Laila Mahfouz: Mutterliebe

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. | Drucken |



Noch immer irritiert packte Tanja die vorbereiteten Leckereien in einen Korb. Beate, Tanjas Mutter, schaute sie dabei mit einem Blick an, in dem viel Liebe lag, aber auch Sorge, sogar Angst. Beates Geheimniskrämerei begann an dem festen Vertrauensband zwischen den beiden Frauen zu reißen.

„Willst du mir nicht endlich sagen, was das Ganze soll?“ Tanja verdrehte die Augen als ihre Mutter nur den Kopf schüttelte und murmelte: „Du wirst es schon erfahren.“

„Wer ist denn diese alte Freundin von dir, die wir treffen wollen und wieso unbedingt im Zoo? Ich verstehe das nicht.“

„Sie heißt Helene. Alles weitere später“, sagte Beate schroffer, als sie es beabsichtigt hatte.

Um drei Uhr passierten sie die gelangweilten Löwen, die nicht einmal blinzelten, als sie an ihnen vorbei gingen. Obwohl der Himmel strahlend blau war, lag eine drückende Schwüle in der Luft. Beate schnaufte, doch als Tanja einen Moment stehen bleiben wollte, trieb Beate sie zur Eile.

„Komm schon, Tanja, ich möchte nicht zu spät kommen.“ Merkwürdig, dachte Tanja, es schien fast so, als freute ihre Mutter sich auf die Begegnung mit ihrer Freundin ebenso wie sie sich davor fürchtete. Pünktlich erreichten sie ihren Lieblingsplatz, den Rasen vor dem Pinguinbecken. Hier hatten sie schon oft gepicknickt. Tanja hatte es immer geliebt, dem Spiel der putzigen Schwimmer zuzusehen.

Plötzlich rannte Beate los. Eine Frau gleichen Alters kam Beate mit ausgebreiteten Armen entgegen. Tanja schaute neugierig der innigen Begrüßung der beiden zu. Nach einer Weile kamen beide auf sie zu. Tanja strahlte Helene an und hielt ihr ihre Hand entgegen:

„Hallo, ich bin Tanja. Freut mich, dich kennenzulernen.“

Helene nahm ihre Hand, sah sie merkwürdig intensiv an, aber sagte kein Wort. Wie unhöflich, dachte Tanja.

„So, Kinder, dann lasst uns mal den Tisch decken.“ Beate beeilte sich, den peinlichen Moment zu beenden.

„Ach, Beate,“ sagte Helene nun in ernstem Ton, „lass es uns lieber gleich hinter uns bringen. Diese Anspannung hält doch keiner aus.“

Beate ließ sich auf ein Kissen plumpsen. Als hätte Helene die Luft aus ihr herausgelassen, sank sie in sich zusammen. Tanjas Neugierde wuchs von Minute zu Minute, aber gleichzeitig hatte sie ein ungutes Ziehen im Magen. Was hatte das alles nur zu bedeuten? Bevor Helene zu reden beginnen konnte, lege Beate ihr eine Hand auf den Arm. Sie sah Tanja an und flüsterte den Tränen nahe: „Du weißt, dass ich dich immer geliebt habe, Tanja?“ Tanja zuckte mit den Schultern und nickte lächelnd. Natürlich hatte ihre Mutter sie geliebt. Sie waren sich stets so nah gewesen wie die besten Freundinnen, hatten viele Ausflüge gemacht und konnten über dieselben Dinge herzlich lachen.

„Schön, dann kann ich ja mal beginnen.“, meldete sich Helene zu Wort, „Also Tanja, ich kenne Beate schon seit der Schulzeit. Wir waren immer die besten Freundinnen.“

Sie lächelten sich an und Tanja konnte eine Vertrautheit spüren, die ihr einen kleinen Stich gab. Sie fühlte sich ausgeschlossen, als hätten die zwei ein Geheimnis, das sie vor ihr verbargen.

„Natürlich verliebten wir uns irgendwann, aber naja, ich hatte damit nicht so ein glückliches Händchen und so trennte ich mich von meinem Freund und zog mit Beate zusammen. Es war eine schöne Zeit. Oh, wie viel Spaß wir hatten! Es hätte ewig so weitergehen können, aber dann…“

Helene brach ab und Beate fuhr nach einem Moment fort:

„Ja, ich verliebte mich und mein Freund konnte Helene nicht ausstehen. Die beiden schienen eifersüchtig auf einander zu sein, verstehst du? Jeder wollte mich irgendwie mehr für sich haben.“

„Na, so schlimm war ich auch wieder nicht“, beschwerte sich Helene nun. Tanja fragte sich langsam, warum die beiden Freundinnen ihr diese Geschichte erzählten. Vielleicht ging es ja nur darum, sie an der gemeinsamen Vergangenheit teilhaben zu lassen. Tanja lehnte sich auf ihre Arme und hob das Gesicht zur Sonne.

„Weißt Du noch, wann du zum ersten Mal die Pinguine gesehen hast?“ frage Helene plötzlich. Tanja fand den Themenwechsel ein wenig eigenartig, doch versuchte sofort, sich zu erinnern. Nach einer Weile begann sie zu lachen.

„Nein, das weiß ich nicht mehr so genau, aber ich bin sicher schon hier gewesen, als ich noch sehr klein war. Ich erinnere mich, dass ich anfangs nicht ins Becken schauen konnte.“

Sie lachte und Beate und Helene nickten beide schweigend.

„Kennst du mich denn auch noch von früher?“, fragte Tanja. Als sie die Frage ausgesprochen hatte, flog ihr vom Ort, an dem alle Erinnerungen aufbewahrt werden, auf einmal ein Bild zu. Sie hielt einen kleinen Stoffpinguin in der Hand und strahlte. Beate stand neben ihr. Dann hoben zwei Hände sie in die Luft und hielten sie über den Beckenrand. Sie drehte sich lachend um und blickte in Helenes junges Gesicht.

Das Bild verschwand. Tanja war blass geworden.

„Sie erinnert sich an etwas“, hauchte Beate ihrer Freundin zu.

„Dachte ich mir, dass es hier leichter ist. Sie ist immer so gerne in den Zoo gegangen.“

Tanja sah auf. Warum hatte sie das Gefühl, etwas nicht zu verstehen. Die beiden saßen da wie besonders geduldige Nachhilfelehrerinnen. Helene begann von Neuem:

„Also, ähm, wir haben alle zusammen gewohnt damals. Du, ich und Beate. Ihr Freund kam immer öfter, aber es ärgerte ihn, dass Beate so viel Zeit mit dir verbrachte. Du warst noch sehr klein, Tanja, noch nicht einmal fünf Jahre alt damals. Beate war einkaufen und ihr Freund wartete auf sie. Ich fragte ihn, ob er einen Moment auf dich aufpassen könne, während ich die Wäsche aus der Waschküche holen würde.

Als ich wiederkam, fand ich euch erst nicht. Aber in meinem Zimmer stand er vor dem weit geöffneten Fenster und du ohne Halt auf dem Fensterbrett. Ich hörte wie er sagte: „Da unten ist das bunte Kätzchen, du musst ein wenig weiter nach links schauen.“

Mein Herz blieb beinahe stehen. Ich wollte dich aus der Gefahr bringen, aber er ließ mich nicht vorbei. Er lachte und sagte, jetzt wäre Schluss mit der Wichtigtuerei um das Kind. Er drehte sich zu dir um und statt dich herunter zu heben, wollte er dich stoßen, um dich endlich los zu sein. Ich griff das erste, was ich finden konnte und schlug es ihm so kräftig über den Kopf, wie ich nur konnte, dann stürzte ich zum Fenster und nahm dich in meine Arme.“

Tanja konnte sich nicht mehr bewegen. Wenn Erinnerungen zurückkehren, die lange fortgewesen sind, dann ist alles so fremd, dass es fast schmerzt.

„Mama“, sagte sie fast tonlos mit einer dünnen Kinderstimme. „Mama?“ ihr Blick richtete sich auf Helene und diese nickte unter Tränen. Beate saß weinend daneben. Nur Tanja konnte nicht weinen. Sie fühlte sich verraten.

„Warum bist du weggegangen? Wo bist du gewesen?“

Helene wischte sich die Augen und suchte nach Taschentüchern. Beate legte Tanja einen Arm um die Schulter.

„Süße, mein Freund ist an der Kopfverletzung gestorben und außer mir wollte Helene niemand glauben. Warum hätte er auch das Kind meiner Freundin aus dem Fenster werfen wollen? Außerdem sagten alle aus, wie eifersüchtig Helene auf ihn gewesen war und dass sie ihn nicht hatte leiden können.“

„Lebenslänglich aufgrund der Heimtücke des Angriffs von hinten.“ Mit ausdruckslosem Gesicht wiederholte Helene monoton das Urteil.

„Und ich konnte nichts tun“, weinte Beate. „Nichts außer dich zu lieben, wie ich es immer getan habe. Helene ist deine Mutter, aber ich bin es auch. Ich hoffe, du kannst damit leben, zwei Mütter zu haben.“

Tanjas Welt brach auseinander und fügte sich in neuem Muster zusammen. Die Puzzleteile passten haargenau, heilten und vernarbten rascher als alle geglaubt hatten. Helenes Traum von einer WG zu dritt nahm ganz langsam wieder Form an.

 

Über Laila Mahfouz: http://www.lailamahfouz.de