Marit van der Zee: Eine Flasche Wasser

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Klagenfurt, Österreich -  5. August 2005

Aufwachen zwischen einem Häufchen schnarchender Freunde und Bekannte. Es ist noch recht früh, aber sie möchte an die frische Luft gehen. Hier im Zimmer, ist die Luft verbraucht und riecht nach altem Alkohol. Die Feier gestern war herrlich. Ein Gartenfest samt Partyzelt und gutem Essen.  Die Stimmung war perfekt und das bisschen Regen, das am Abend gefallen war, hatte die Freude nicht getrübt. Es war das erste Mal seit Jahren, dass sie sich so wohl gefühlt hatte. Aber jetzt ist  sie als einzige munter und es schaut danach aus, dass die anderen noch lange brauchen werden, bis sie aufwachen. Also, raus aus dem Haus und an die frische Luft. Im Garten steht das Partyzelt voller Essensreste, die Idee aufzuräumen lässt sie fallen mangels Mistsäcken. Der Plan an den Wörthersee zu spazieren,  setzt sie aber in die Tat um. Die Anderen werden sich wundern, wo ich stecke, denkt sie. Schnell packt sie noch etwas zum Essen und eine Flasche Wasser aus dem Zelt ein und spaziert los. Ein Picknick am Strand wäre doch der optimale Abschluss von diesem Fest.

Der Spaziergang dauert nicht lange. Schon nach einigen Minuten tauchen erste Zelte, Wohnwägen und im Freien schlafende Menschen auf. Nach einer kurzen Verwirrung wird ihr klar: Heute ist Beach-Volleyball-Turnier, diese Menschen sind anlässlich des „Grand Slams“ hergekommen! Die Menge an Bierflaschen zeigt klar, dass der Alkohol am Vortag in Litern geflossen ist. Schade denkt sie, dass das Wetter gerade jetzt, im heißesten Monat des Jahres, so feucht ist.

Hinter sich hört sie eine Männerstimme rufen. „He, junge Dame, ist das eine Wasserflasche? Gibst du mir etwas ab? Ich habe einen unglaublichen Durst.“ Ein schläfriger Kopf, wohl „mit Kater“, zeigt sich an einem Zelteingang. Sie geht hin und verschenkt ihre Wasserflasche. ‚Eine erste gute Tat für heute‘,  denkt sie. Der Mann fragt, wie er sich für diese freundliche Rettung bei ihr bedanken könnte. Sie gibt keine Antwort. Was sollte sie auch sagen? Nein, sie ist einfach guter Laune und freut sich, jemandem geholfen zu haben. Er lässt aber nicht locker. „Ein Bier vielleicht? Nein, weißt du was, ich schenke dir ein Kind. Du kannst von mir ein Kind bekommen!“  Die Bemerkung bringt sie durcheinander, was hat er da gerade vorgeschlagen? Ein Kind von ihm? Noch bevor ihre Gedanken richtig los legen, hört sie aus dem gleichen Zelt eine andere Stimme sagen: „Bist du blöd oder was! Das ist eine echte Frechheit! Dir gehört eine Watsche!” Sie verabschiedet sich mit einem Grinsen und läuft Richtung Wörthersee.

Der See ist durch die Absperrungen für den Grand Slam nicht erreichbar, aber sehen kann sie ihn. Ihre Gedanken im Kreis: Eine eigenartige Bemerkung. „Ich schenke dir ein Kind“. Daheim ist sie gerade dabei gemeinsam mit ihrem Mann die Adoptionsprozedur zu durchlaufen, in der Hoffnung irgendwann ein Kind zu bekommen. Schätzungsweise wird es noch ein gutes Jahr dauern bis sie Mutter wird, wenn nicht noch länger. Sie schmunzelt, als sie in Gedanken einen Werbung-Slogan formuliert: „Kinderlos und keine Zeit für eine langwierige Adoptionsprozedur? Komm zum Beach- Volleyball-Grand Slam nach Klagenfurt, ein Kind für eine Flasche Wasser!

 

Ratanda, Südafrika  - 5. August 2005

Es ist eiskalt in der nicht isolierten Wohnung im Township Ratanda. Sie verflucht ihre Entscheidung mit dem ihr damals unbekannten Mann zu schlafen. Was heißt „Entscheidung“, sie hat sich eigentlich gar nicht für oder gegen etwas entschieden. Tatsache ist aber, dass sie jetzt hochschwanger ist und alleine. Auch wenn sie genau weiß, dass sie ihr Kind nach der Geburt nicht behalten wird können, ist sie stolz darauf, es zumindest bisher gut geschützt zu haben. Sie hat ihr Bestes getan, um aus der Situation etwas Positives zu machen, aber die Wehen haben schon eingesetzt und bald wird sie sich von ihrem Kind trennen müssen. Wenn doch zumindest die Kälte nicht wäre! Sie versucht sich zu beruhigen und geht in ihre Wohnung ein wenig auf und ab. Viel Platz gibt es nicht zum Herumgehen. Platz ist Mangelware in den Townships.

Noch einmal geht sie ihren Plan durch: Das Kind soll nicht bei ihr bleiben, sie wird es zum leiblichen Vater bringen, vielleicht kann er es ernähren. Er hat immerhin schon zwei Kinder und seine Frau könnte sich vielleicht um das Baby kümmern. Sicher ist, dass das Kind bessere Chancen hat, wenn es ihre Krankheit nicht bekommt. Wie sie HIV positiv wurde und wann weiß sie nicht, aber dass sie es ist, weiß sie seit dem ersten Arztbesuch in der Schwangerschaft. „Das Leben meint es nicht sehr gut mit mir“, denkt sie, aber was ich ins Positive verändern kann, werde ich auch tun. Mein Kind soll im Krankenhaus zur Welt kommen und sofort mit der Flasche aufgezogen werden. So kann eine Ansteckung vermieden werden. Sie streichelt ihren Bauch. „Mein Kleines, auch wenn es das einzige ist, dass ich für dich tun kann, ich werde dir Gesundheit schenken”.

Plötzlich verzieht sich ihr Gesicht, die Wehen kommen häufiger, es wird Zeit ins Krankenhaus zu fahren. Der Nachbar wird sie in die nächste Stadt mit Krankenhaus bringen, das ist allerdings eine Fahrt von einer guten Stunde.  „Ich tue das für dich mein Kleines“ sagt sie leise vor sich hin und ruft den Nachbarn. Durch die dünnen Wände kann er ohnehin jedes Wort hören, also wird er bald erscheinen.

 

Johannesburg, Südafrika - 18. September 2006

Die Beruhigungstropfen wirken nicht. Ihr Herz klopft, als ob es gleich bersten würde. Sie ist nervös und aufgeregt zugleich, versucht ruhig zu bleiben, aber schafft es nicht. Die letzte Woche war sie im Ausnahmezustand gewesen. Nachdem die Nachricht gekommen war, dass ein Kind für sie gefunden war, hatte sie zu arbeiten aufgehört und stattdessen gemeinsam mit ihrem Mann sowohl Ikea, als auch Bipa leergekauft, einen Flug gebucht und ein Hotelzimmer reserviert. Jetzt sitzt sie da, im Büro des Kinderheims, gemeinsam mit ihrem Mann. Wartend auf das was kommen sollte. Wie wird ihr neues Kind sie akzeptieren? Es ist immerhin schon 13 Monate alt. Wird es sich leicht eingewöhnen? Wird es weinen? Sie bewundert ihren Mann, der äußerlich sehr ruhig ist. Er hat die ganze Woche gut geschlafen und hat auch essen können. Sie dagegen war völlig übernächtigt und hat vor lauter Stress und Vorfreude 6 Kilo abgenommen. Aus reiner Neugierde hat sie in ihrem Kalender geschaut, um zu sehen was sie gemacht hatte, als ihr neues Kind geboren wurde, nicht erwartend, dass sie etwas Markantes finden würde. Es war allerdings ein Eintrag dagewesen. „Gartenfest Klagenfurt plus Übernachtung” stand am Vortag notiert und sie erinnerte sich an den Morgen nach dem Fest, die Wasserflasche, das Angebot. An diesen Tag war ihr Sohn geboren worden!

Sie wird abrupt aus ihren Gedanken gerissen. Da ist er! Ein neugieriger, lächelnder Bub. Das schönste Kind der Welt. Bevor sie es richtig fassen kann, sitzt er auf ihrem Schoß und trinkt Milch aus der Flasche. Seine neugierigen, glänzenden Augen schauen sie an. Sie spürt, wie dieses Kind ihre Muttergefühle sofort weckt. „Hallo mein Kleiner, ab jetzt werde ich für immer für dich da sein“, sagt sie leise.  Sie registriert wie ihr Mann versucht dieser Moment zu fotografieren, darin aber kläglich scheitert, da er vor lauter Freude und Emotion die Hände nicht still halten kann. Ja, ja, denkt sie, so cool bist du also auch nicht. Sie kann ein Lächeln nicht unterdrücken. Jetzt sind wir eine echte Familie, denkt sie, während sie den Buben ihrem Mann übergibt und sich wieder hinsetzt.

Der Bub ist inzwischen im Arm seines neuen Vaters eingeschlafen, der sich nicht mehr rühren kann und will. Er scheint zu denken: „So lange habe ich auf dich gewartet, jetzt lasse ich dich nicht mehr los”.  Nun war Zeit für Informationen über das neue Kind. Die Mitarbeiterin des Heimes spricht über die wichtigsten Punkte der bisherigen Lebensgeschichte: „Geboren 5. August 2005, Mutter HIV-positiv, ledig, keine weiteren Kinder; Kind geboren im Spital von Heidelberg, Südafrika. Wurde mit 8 Monate vom Vater im Kinderheim von Johannesburg abgegeben, mit der Bitte eine gute Familie für das Kind zu finden. Die Mutter hat das Kind nach Geburt beim Vater abgegeben und ist dann verschwunden. Der Vater hat weitere zwei Kinder und schafft es nicht, ein drittes durchzubringen; das Kind ist vollkommen gesund, sehr aktiv und fröhlich.

Sie tut sich schwer diese Information zu verarbeiten. Sie ist so glücklich endlich ein Kind zu haben. Gleichzeitig weiß sie, dass ihrer Freude unendliches Leid gegenüber steht. Dieses Leid weiß sie, kann sie nicht wieder gut machen. Aber sie wird alles tun, damit es ihrem neuen, kleinen Sohn gut geht und er versteht, dass seine „erste“ Mutter und sein „erster“ Vater ihre Entscheidungen aus Liebe zu ihm getroffen haben. Ihr wird bewusst, dass die leibliche Mutter und der leiblicher Vater ihres Kindes mit der Adoption auch ein Teil ihrer Familie geworden sind. Weitere Gedanken regen sich,  als sich plötzlich ihr Sohn meldet, er ist aufgewacht und braucht ganz dringend eine saubere Windel - Hilfe!

 

Marit van der Zee wurde 1974 in Lelystad, Holland geboren. 1977 machte die Ankunft ihres Adoptivbruders aus Süd Korea die Familie komplett. Nach ihrem Studium an der TU Delft übersiedelte sie im Jänner 2000 nach Wien. Heute ist sie Vollzeit-Ehefrau und Mutter eines Adoptivsohnes aus Südafrika außerdem Teilzeit-Projektmanagerin.