Nicole Makarevicz: Blinder Fleck

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. | Drucken |



Du sagst, du hast ein Recht darauf, und ich stimme dir zu. Deine Augen füllen sich mit Tränen. Du blinzelst heftig, versuchst sie zurückzudrängen, aber es sind zu viele und du hast keine Chance. Ich nehme dich in die Arme, streiche sanft dein Haar, so wie ich es schon getan habe, als du noch klein warst und dir beim Spielen die Knie aufgeschlagen hast. Dieser Schmerz geht tiefer, erschüttert dein Selbst bis in die Grundfesten, und so sehr ich mich auch bemühe, so fest ich dich halte, ich kann dir nicht helfen. Diesmal nicht.

Wir haben aus deiner Adoption kein Geheimnis gemacht, fühlten uns dir gegenüber immer zur Wahrheit verpflichtet. Du bist unser Kind bist, wenn auch nicht genetisch. Deine liebste Geschichte ist die deiner Ankunft. Von dem Augenblick an, der unser aller Leben verändert hat. Wir waren schon lange als Adoptiveltern vorgemerkt, doch die Liste der Antragsteller war lang und die Zeit arbeitete gegen uns. Die Hoffnung hatten wir schon aufgegeben, beinahe jedenfalls, als unsere Sozialarbeiterin anrief. Gerührten Triumph in der Stimme erzählte sie uns von dir. Zwei Tage später durften wir dich aus dem Krankenhaus abholen, ein winziges Bündel Mensch, uns zur Tochter bestimmt. Bange Wochen folgten, in denen wir hofften und beteten und flehten, dass deine Mutter es sich nicht anders überlegen würde, dich nicht doch noch zurückhaben wollte. Unser Wunsch, aus Egoismus und Liebe genährt, wurde erfüllt.

Gestern bist du achtzehn geworden. Deinem Geburtstag hast du schon lange entgegengefiebert, jedoch aus einem anderen Grund als ich vermutet habe. Du hast die Schule geschwänzt, bist zum Jugendamt gefahren und hast Einsicht in deine Akte verlangt. Die Sozialarbeiterin, mit deinem Fall vertraut, war freundlich und mitfühlend. Du konntest es kaum erwarten, mehr über deine Mutter, vielleicht sogar ihren Namen, zu erfahren. Ich sehe mich vor dir, ungeduldig auf dem Plastiksessel zappelnd, die Wangen gerötet, an deiner Unterlippe kauend, wie immer, wenn du aufgeregt bist.

Es gab keinen Namen. Du bist ein Klappenkind. Das wusstest du, aber du wusstest auch, dass nur wenige abgebende Mütter für immer in die Anonymität abtauchen. Du warst von der Idee besessen, deine Mutter hätte dir Informationen hinterlassen, Informationen über sich, deinen Vater, Geschwister, deine Herkunft. Informationen, die dir erst zu deiner Volljährigkeit ausgehändigt werden würden, die leeren Stellen in deiner Biographie ausfüllen könnten.

Wir haben oft mit dir über deine erste Mutter gesprochen, haben sie gemalt, gezeichnet, ihr Briefe geschrieben. Zum Muttertag bekam auch sie eine Karte, die wir in einer von dir verzierten Schachtel aufbewahrten. Dein schwarzes Haar und die dunklen Augen ließen dich über deine Abstammung rätseln. Du fragtest dich, welchem Glauben deine Herkunftsfamilie anhänge, welche Sprache deine eigentliche Muttersprache sei. Ob deine Musikalität ein Familienerbe sei, deine Kurzsichtigkeit vererbt. Fragen, die dir nur deine leiblichen Verwandten beantworten können würden. Auf deine Besonderheit warst du immer stolz, hast deine außergewöhnliche Geschichte wie eine Auszeichnung betrachtet und dich auf diese Weise vor dem Gefühl der Ungewolltheit geschützt. Nicht einmal im Streit hast du jemals auch nur ein Wort darüber verloren, dass wir nicht deine richtigen Eltern seien. Trotzdem war deine Pubertät nicht leicht, du brauchtest lange, um zu dir zu finden. Ganz ist es dir bis heute nicht gelungen.

Hättest du mit mir gesprochen, hätte ich dich gebeten, dir nicht zu große Hoffnungen zu machen. Aber du hast geschwiegen, wolltest den Moment für dich alleine, uns mit deiner Initiative überraschen. Und jetzt halte ich dich in den Armen, und du weinst und weinst, und ich kann dir nicht helfen.

Wir haben sie gesucht, deine Mutter, schon bald nachdem du zu uns kamst. Wir inserierten in Zeitungen, starteten einen Radioaufruf. Wir sicherten ihr zu, ihre Anonymität zu wahren, baten sie nur um grundlegende Informationen, für später, für dich. Sie meldete sich nicht. Vielleicht hatte sie zu große Angst, vielleicht war sie nicht von hier, vielleicht wollte sie auch einfach nur vergessen.

Du sagst, du hast ein Recht darauf, zu wissen, von wem du abstammst, und ich stimme dir zu. Du solltest nicht in der Luft hängen müssen, abgetrennt von deiner Vergangenheit. Du sagst, du verstehst nicht, warum Babyklappen als Innovation gefeiert wurden und immer noch so viele Befürworter haben. Du fragst, warum es ein Recht der Mutter auf Anonymität gibt, wenn doch vielmehr jeder Mensch das Recht haben sollte, über seine Herkunft Bescheid zu wissen. Du sagst, du verlangst nicht zu viel, wenn du wissen möchtest, welchem Volk, welcher Ethnie du angehörst. Ob deine Mutter jung war oder alt, groß oder klein, hübsch oder hässlich. Warum du abgegeben wurdest, einfach so. Einfach so sicher nicht, antworte ich. Ihr Kind wegzugeben ist keine Entscheidung, die eine Mutter leichtfertig trifft.

Die Babyklappe mache es zu leicht, sagst du, und dass ein Kind kein abgetragenes Kleidungsstück sei. Klappe auf, Kind rein, fertig, sagst du, das ist menschenverachtend und würdelos. Es gibt doch auch die anonyme Geburt, sagst du. Und dass das Krankenhauspersonal zumindest einige Fakten aufnehmen könnte, den Verlauf der Schwangerschaft und der Geburt, das ungefähre Alter zum Beispiel, das Aussehen oder die Sprache. Diese Daten könnten doch vom Jugendamt unter Verschluss gehalten werden, sagst du, bis zur Volljährigkeit. Dann hätten die Kinder wenigstens irgendetwas in der Hand.

Das würde schon helfen, sagst du, so ein Faden, der mit dem Vorher verbindet. Mir wird immer ein Teil von mir fehlen, sagst du, solange meine Zeit vor der Klappe mein blinder Fleck bleibt.

 

Nicole Makarewicz, *1976 in Wien, Journalistin und Autorin, studierte Kommunikationswissenschaft, Soziologie und Psychologie. Im Wiener Seifert Verlag erschienen 2009 ihr Roman „Tropfenweise“, 2010 ihr Erzählband „Jede Nacht“. Gewinnerin des „Forum Land Literaturpreises 2009“, der „12. Münchner Menülesung“ und des Krimistipendiums „Tatort Töwerland“ 2012. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien. www.nicolemakarewicz.com