Birte Timmermann: Die sieben Finger. Märchen

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Es waren einmal eine Frau und ein Mann. Die beiden waren sehr arm und lebten in einer kleinen Hütte im Wald. Die Frau hatte nie gelernt, richtig Wäsche zu waschen oder zu kochen und fühle sich deswegen oft unglücklich. Ihr Mann war missmutig, weil er ihr bei der Hausarbeit viel helfen musste. Als er plötzlich krank wurde und starb, weinte sie bittere Tränen. Von Stund an, wollte erst recht nichts mehr funktionieren. Jeder einzelne Handgriff fiel ihr unendlich schwer. „Das muss an den sieben Fingern an meiner rechten Hand liegen,“ jammerte sie über sich selber. „Kein Mensch braucht sieben Finger! Warum mir das nicht schon früher aufgefallen ist...!“ Die beiden überflüssigen Finger störten sie Tag ein, Tag aus.

Bald darauf brachte sie ein Kind zur Welt. Die Frau bekam es mit der Angst zutun: Wie soll das Kind bei mir aufwachsen, wenn ich kaum für mich selbst sorgen kann? Sie weinte und wusste keine Lösung: Das kleine Kind schrie, weil die Mutter es nicht in den Arm nehmen konnte, es fror, weil es keine Decken gab, es wuchs nicht, weil es kaum etwas zu essen bekam. Mal war sie wütend auf das schreiende Baby und mal über sich selbst. Die Frau schimpfte und jammerte den ganzen Tag.

Eines Tages kam ein Förster mit einem Rehkitz in der Nähe der Hütte vorbei und hörte das Weinen und Schimpfen. Da klopfte er bei der Frau an und fragte, ob er helfen könne. Die Frau erschrak zunächst, weil sie ein schlechtes Gewissen bekam: Was der Förster wohl denkt, warum es so dreckig und unordentlich in meiner Hütte aussieht und warum mein mageres Kind die ganze Zeit weint? Dann besann sie sich und sagte: „Lieber Förster, ich weiß nicht ein noch aus! Meine sieben Finger sind mir so sehr bei der Hausarbeit und der Sorge um mein Kind im Weg. Um mich selbst könnte ich mich gerade noch kümmern, aber alles weitere überfordert mich.“ Der Förster erkannte die Not der Frau und versprach, ihnen am nächsten Tag, einen Leib Brot vorbeizubringen. Das tat er. Die hungrige Frau aß das Brot begierig auf, und ehe sie sich versah, war kein Krümel mehr für ihr Kind übrig. Sie drückte das Kleine voller Reue an sich und weinte vor Entsetzen über sich selbst.

Dies hörten der Förster und sein Rehkitz, und so klopften sie abermals an. „Arme Frau, was ist passiert?“ „Ach, lieber Förster, sagte die Frau „so sehr ich mich auch bemühe, ich bin keine gute Mutter. Kannst Du meinem Kind nicht helfen?“ Der Förster dachte nach, aber fand keine Lösung, weil er nicht jeden Tag zu ihrer Hütte kommen konnte.

Das Rehkitz aber, das selbst keine Eltern mehr hatte, stupste den Förster an und gab ihm zu verstehen, dass er das Kind ruhig auf seinen Rücken setzen solle. Der Förster vertraute dem Rehkitz, und so bat er die Frau, ihm den kleinen Jungen zu geben - sie hielt ihn jedoch verzweifelt fest. Er beruhigte sie, und schließlich besann sie sich und ließ es traurig und zugleich erleichtert geschehen. Der Junge weinte dicke Tränen auf das Fell des Rehkitzes, als der Förster ihn auf dessen Rücken setzte. Das Rehkitz tröstete ihn: „Ich kenne einen Mann und eine Frau, die wohnen auf der grünen Wiese vor dem Wald in einem schönen Haus und warten schon lange darauf, dass ihnen ein Kind geschenkt wird. Bei ihnen kannst Du in Geborgenheit aufwachsen, und es soll Dir an nichts mehr fehlen!“ Zum Abschied versprach das Rehkitz der Frau: „Du wirst erfahren, wie es ihm geht.“ Sie winkten einander lange zu. Dann machten sich die Drei auf den Weg.

Als sie das Haus auf der Wiese erreichten, kamen die Frau und der Mann ihnen schon entgegen. Sie blickten Fin, so hieß der kleine Junge, liebevoll an. Fin hielt sich ängstlich im Fell des Rehkitzes fest. „Hallo, Du bist also der kleine Fin, von dem uns das Rehkitz schon erzählt hat“, sagte die Frau zärtlich zu dem Jungen. Fin konnte noch nicht sprechen, aber er spürte, dass die beiden es gut mit ihm meinten. Der Förster und das Rehkitz verabschiedeten sich nach einer Weile von der frisch gebackenen Familie. Seine neue Mutter nahm ihn vorsichtig in den Arm und zeigte ihm zusammen mit ihrem Mann sein Kinderzimmer mit vielen schönen Spielsachen und einem kuscheligen Bett. Sie gaben ihm zu essen und zu trinken. Am Abend lasen sie ihm unter einer warmen Decke eine Gute-Nacht-Geschichte vor.

Es dauerte nicht lange, da hatte Fin sich in seinem neuen Zuhause eingelebt und wuchs unbeschwert und glücklich heran. Weil Fin sich an die Frau, die ihn zur Welt gebracht hatte, bald nicht mehr erinnern konnte, hatten seine Eltern ihm von ihr erzählt. So wusste Fin, dass er zwei Mütter hat: Eine hatte ihn geboren und eine sorgte zusammen mit dem Vater für ihn. Das fand er  eigentlich ganz in Ordnung.

Doch eines Tages entdeckte Fin unversehens, dass er statt fünf Finger, wie alle anderen Leute, sieben Finger an der rechten Hand hatte. Das erschien ihm sehr merkwürdig, und so störten ihn die beiden überflüssigen Finger plötzlich. Er ärgerte sich, wenn er neuerdings Schwierigkeiten hatte, zu malen oder zu essen. Fin spürte eine große Wut in sich. Er wurde so unglücklich, dass er aus lauter Verzweiflung seine Eltern beschimpfte. Die beiden versuchten, ihn zu trösten, aber es half nichts.

Fin wollte allein sein und suchte im Haus nach einem Ort, wo er ungestört war. Und so gelangte er irgendwann zu der Tür, die auf den großen Dachboden führte. Sie war abgeschlossen. Er fand den Schlüssel schließlich oben auf dem Türrahmen. Die schwere Tür lies sich knarrend und quitschend öffnen. Etwas Sonnenlicht strömte durch eine kleine Dachluke in den dunklen Raum. Hier oben roch es nach altem Holz und alten Geschichten. Fin öffnete eine große Truhe, die aussah wie eine Schatzkiste. Darin befanden sich schwere, staubige und geheimnisvoll aussehende Bücher, alte Fotos und Spielsachen. Er sah sich alles fasziniert an.

Als seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, entdeckte er im hintersten Winkel ein Klavier, von dem er magisch angezogen wurde. Fin öffnete vorsichtig den Deckel und legte seine zwölf Finger auf die Tasten. Und – oh Wunder – sie glitten wie von selbst darüber, und brachten die schönsten Melodien hervor, die man je gehört hatte.

Fin erzählte seinen Eltern aufgeregt von seiner Entdeckung. Sie freuten sich sehr, dass er Spaß am Klavierspielen gefunden hatte. Der Vater hatte das Instrument vor langer Zeit auf den Dachboden verbannt, weil er die Lust am Klavierspielen verloren hatte. Die wunderschönen, völlig neuartigen Klänge, die Fin zu spielen vermochte,  erstaunten und beglückten die Eltern. „Das muss daran liegen, dass Fin sieben Finger an der rechten Hand hat,“ sagte die Mutter.

Sein Klavierspiel erklang bis tief in den Wald hinein. Und so kam es, dass die Frau, die Fin geboren hatte, auch seine Musik hörte. Sie freute sich darüber, dass sie in ihrem tristen Leben endlich etwas Schönes hatte und fragte sich, woher die Musik  wohl stamme. Das Reh, das sie regelmäßig besuchte, erzählte es ihr.

Fin war glücklich, wenn er Klavier spielte, manchmal spielte er auch vierhändig zusammen mit seinem Vater. Und überraschenderweise störten ihn seine sieben Finger auch nicht mehr beim Schreiben und Essen.

Es dauerte nicht lange, da wollte er unbedingt erfahren, woher seine besondere Hand stammte. Seine Eltern kannten jedoch nicht den Weg zu der alten Hütte im Wald, wo er geboren wurde. Fin weinte darüber so bitterlich, dass das Reh ihn wieder hörte und zu ihm kam. Es war mittlerweile auch groß geworden, und so machten sie sich gemeinsam auf den Weg. „Hier wurdest Du geboren,“ sagte das Reh, als sie bei der Hütte angekommen waren. Fin ging hinein in die zugige Hütte und erschrak über die früh gealterte, krank aussehende Frau, die auf einem wackeligen Schemel in einer fürchterlichen Unordnung saß: „Du bist Fin, nicht wahr? An Deinen sieben Fingern habe ich Dich gleich erkannt. Es tut mir schrecklich leid, dass ich nicht in der Lage bin, für Dich zu sorgen. Aber ich sehe, dass aus Dir ein fröhlicher, gesunder Junge geworden ist. Dafür bin ich dankbar. Deine Klaviermusik tröstet und erfreut mich sehr.“ Sie reichte ihm seine rechte Hand, und da sah Fin, dass auch sie sieben Finger hatte. „Jetzt verstehe ich, warum ich sieben Finger habe“, rief er. „Weißt Du, wenn ich sie nicht hätte, könnte ich niemals so gut Klavierspielen.“ Als die Mutter dies hörte, wurde sie nachdenklich und sagte nach einer Weile: „Und wenn Du nicht Deine neue Familie gefunden hättest, hättest Du nie Klavierspielen gelernt.“

Nun waren beide beruhigt, uns sie wussten, dass so alles gut war. Sie verabschiedeten sich herzlich, und Fin lief aufgeregt und erleichtert zurück zu seinen Eltern, die schon mit offenen Armen auf ihn warteten.

Ende

 

Mag. Birte Timmermann, geb. 1969, lebt mit ihrem Ehemann und ihrem 5-jährigen Adoptivsohn seit 13 Jahren in Berlin.
Sie studierte Dokumentationswesen in Köln und schloss danach das Studium der Kulturwissenschaften in Lüneburg (bei Hamburg) an. Seit 1999 ist sie an der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz in der Öffentlichkeitsarbeit beschäftigt.