Susanne Brenner: Adoption - Entscheidung aus Liebe

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So titelte vor einigen Jahren ein Informationsblatt der Aktion Leben Österreich. Darin kommt sowohl eine Sozialarbeiterin zu Wort als auch eine Mutter, die ihr Kind zur Adoption freigegeben hat. Das Zeugnis dieser Frau hat mich sehr berührt, denn es ist nicht selbstverständlich, dass eine Mutter, die ihr Kind zur Adoption freigegeben hat, öffentlich dazu steht und über ihre Erfahrungen erzählt.

Im Normalfall erfährt die Gesellschaft kaum etwas davon, wie es diesen Frauen geht und schon gar nicht wird wahrgenommen und geglaubt, dass auch diese Frauen ihr Kind lieben. Die Gesellschaft sieht in ihnen meist nur "Rabenmütter" und begegnet ihnen mit Feindseligkeit und Unverständnis. "Adoption-Entscheidung aus Liebe"? Die meisten Mitmenschen zweifeln daran.  Kann es Liebe sein, wenn eine Mutter ihr Kind hergibt?

Doch ist es nicht auch Liebe, wenn man sein Kind freigibt, es vor der Zeit loslässt, weil man spürt, dass es anderswo bessere Chancen für die Zukunft hat? Wünscht sich nicht jede Mutter für ihr Kind den bestmöglichen Start ins Leben?

Ich denke Respekt, nicht Verachtung verdient eine Frau, die sich zur Adoptionsfreigabe durchringt! Sie hat diese Entscheidung sicher lange und gut überlegt (zumindest neun Monate) und hat dem Kind dadurch die Chance auf eine gute Zukunft und vor allem das Leben geschenkt. Es ist sicher auch eine sehr schwere, schmerzliche und angstbesetzte Entscheidung, die diese Frauen zu treffen hatten.

Immer wieder kommt der quälende Gedanke "Wie geht es meinem Kind? Habe ich wirklich das Beste getan?" Es erfordert sicher eine große Portion Demut, zu erkennen, und einzusehen, dass man selbst nicht in der Lage ist, für das Kind zu sorgen, und die Konsequenz daraus zu ziehen. Das tut weh und ich glaube, dass man diesen Frauen jede Hilfe geben sollte, die möglich ist.

Vielleicht wäre für manche von ihnen eine halboffene Adoption eine gute Möglichkeit, wenn sie über das Jugendamt mit den Adoptiveltern ihres Kindes Kontakt haben und sich vergewissern können, dass es dem Kind gut geht. Auch für das Adoptivkind wäre es von Vorteil, wenn es mitbekommt, dass die Mutter es nicht vergessen hat. Ich glaube, dass auch immer mehr Adoptiveltern dazu bereit sind, der Mutter diese Informationen zu geben.

Auch für die Adoptiveltern ist Adoption eine Entscheidung aus Liebe. Sie gehen einen langen Weg aus der Sehnsucht heraus, einem Kind Liebe schenken zu wollen. Da sie aus welchen Gründen auch immer nicht leibliche Eltern für ein Kind sein können, möchten sie zumindest soziale Elternschaft übernehmen. Sie wollen sich auf ein ihnen bislang fremdes Kind voll einlassen, es lieben und ihm gute Eltern sein.

Am Anfang des Weges der Adoptiveltern steht die Bewältigung der Trauer über die eigene ungewollte Kinderlosigkeit. Nur wer seine Trauer ehrlich bewältigt hat, ist frei, seine Kraft und Liebe neu und aus ganzem Herzen zu verschenken. Die Erfahrung der eigenen Kinderlosigkeit ist für die Betroffenen meist eine schwere Enttäuschung und oft bedeutet sie auch eine ernste Probe für die Beziehung, eine Krisensituation.

Ist die Liebe der Partner stark genug und hält die Beziehung dieser Probe stand, folgt das gemeinsame Ringen um die Entscheidung,  ein Kind zu adoptieren. Mit dieser Entscheidung treten die künftigen Adoptiveltern nun den Behördenweg an. Mit der zuständigen Sozialarbeiterin oder dem Sozialarbeiter werden genau Möglichkeiten und Grenzen in persönlicher und finanzieller Hinsicht abgeklärt, bei Hausbesuchen das private Umfeld abgecheckt, sogar die Gesundheit muss getestet und ärztlich bescheinigt werden.

Ist diese Prozedur abgeschlossen, heißt es Geduld haben und warten. Es beginnt eine lange "Schwangerschaft", deren Ausgang ungewiss ist. Wie auch leibliche Eltern wartet man voll Sehnsucht auf das Kind mit Hoffen und Bangen. Man ersehnt voll Ungeduld den Anruf vom Jugendamt, ruft immer wieder selbst dort an und erkundigt sich, und immer wieder hört man: "Wir haben noch kein Kind für Sie" Man muss akzeptieren, dass Eltern für ein Kind gesucht werden und nicht umgekehrt ein Kind für ein Paar, dass gerne Eltern sein möchte. Die Interessen des Kindes stehen im Vordergrund und nicht der Wunsch eines kinderlosen Paares.

"Wie lange dauert es noch?" diese Frage ist kaum zu beantworten. Mit einer Wartezeit von vier Jahren ist aber durchaus zu rechnen, es kann manchmal schneller gehen, aber meist dauert es länger. Die Zahl der wartenden Paare übersteigt die der Kinder, die zur Adoption freigegeben werden um ein Vielfaches.

Als Adoptiveltern in spe kann man nur die Zeit nützen, den Vorbereitungskurs besuchen und sich innerlich bereit halten, das Kind, wenn es dann kommt, aufzunehmen. Immer wieder muss sich das Adoptivelternpaar auch als Paar mit der Frage auseinandersetzen "Wollen und können wir noch warten? Wo sind unsere Grenzen? Wollen wir beide noch ein Kind? Stehen wir gemeinsam noch zu unserer Entscheidung? Immer wieder wird die Tragfähigkeit der Beziehung durch diese Fragen auf die Probe gestellt. Nur eine gemeinsame Entscheidung aus Liebe ist auch eine gute Entscheidung für das Kind.

Denn Liebe braucht das Kind am meisten in seiner schwierigen Situation. Es ist ein Kind mit zwei Elternpaaren und muss sein Leben lang damit fertig werden. Auch für die Liebe der Adoptiveltern ist das eine große Herausforderung, denn sie müssen ebenso diese Tatsache akzeptieren. Nur dann können sie dem Adoptivkind eine möglichst positive Einstellung zu den leiblichen Eltern vermitteln. Nur Liebe, die auch ein Stück selbstlos ist, wird diesen Anforderungen gerecht werden können.

Zusammenfassend kann man sagen, dass zu einer geglückten Adoption von beiden Seiten viel selbstlose Liebe und Achtung voreinander gehört, um die man sich immer wieder neu bemühen muss. Dann wird es der freigebenden Mutter gelingen, ihr Kind wirklich freizugeben, weil sie weiss, dass es in guten Händen ist. Und die Adoptiveltern werden ihr Adoptivkind lieben und annehmen können wie es ist, weil sie wissen, dass seine Mutter es ihnen aus Liebe anvertraut hat. Adoption ist eine Entscheidung aus Liebe!

 

Über Susanne Brenner: geboren wurde ich 1964 in Tulln/NÖ. Aufgewachsen bin ich in Knittelfeld in der Steiermark. Ich habe eine Schwester die in Wien lebt. Aus beruflichen Gründen bin ich auch nach Wien übersiedelt. Seit 1995 bin ich mit meinem Mann Michael verheiratet. Wir waren längere Zeit kinderlos, 2003 und 2007 konnten wir über den Verein „Brücke nach Äthiopien“ unsere beiden Söhne aus Äthiopien adoptieren. Ich arbeite in einer Notariatskanzlei als Sachbearbeiterin für Verlassenschaftsangelegenheiten, mein Mann ist selbständig erwerbstätig.