Ilona Jakob: Heimkehr

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. | Drucken |



Der Zug übertönt mein Herz. Leise klebt der Schmerz in mir drin, tief wütet das Erinnern. Der Sonne Flimmern stört die Augen beim Sehen. Blicke saugen sich fest an mir. Das Staunen der anderen ist gross. Mein Gepäck ist unglaublich. Ich sitze mit einer Urne im Abteil, das keiner mit mir teilen will. In der Seele hockt seit gestern ein Keil. Eingehakt und eingerammt. Wie geht der wieder raus? Keiner hilft mir durch den Weg. Der Zug fährt uns nach Hause. Aber dieses zu Hause will ich nicht. Wieso habt ihr mir gestern gesagt, dass mein Vater nicht mein Vater ist. Obwohl ich es fühle und weiss, dass er es all die Jahre eben war und immer noch ist. Wollte ich das wissen, dass mein Vater nicht mein Vater ist? Habe ich darum gebeten, es zu erfahren? Nein. Ich will leben mit all der Freude von vorher, bevor ich die Urne bekam. Den Auftrag dazu, bring’ ihn nach Hause. Die Angst, in vertrauten Augen Fremdes zu erblicken, was noch nie da war. Wer nimmt die Schwere weg, wer holt die Leichtigkeit zurück. Es war dein Vater, kümmere dich! Wieso jetzt ich? Wieso damals nicht er? Keine Zeit, keine Frau, kein Kind. Im Tod will er Anteilnahme. Im Tod will er Kenntnisnahme. Kennt er mich? Was will er jetzt von mir? Viele Jahre war alles gut, ohne von ihm zu wissen. Last drückt. Wissen verdüstert das Leben. Wenn der Zug ankommt, werde ich ohne ihn aussteigen. Ich bin bis hierher ohne ihn gekommen. Ich will meine Leichtigkeit wieder. Mein Leben. Meines Vaters Erzählungen. Meines Vaters Wärme.

Mein Vater holt mich am Bahnhof ab.

Ich steige aus und lasse ihn weiterfahren.

 

Ilona Jakob, geb. 1960, wohnt in Trogen/Schweiz, arbeitet bei der Kantonspolizei Appenzell Ausserrhoden in der Abteilung Support und Personelles und schreibt, seit sie weiss, dass man aus Buchstaben Wörter formen kann.
Lebt mit ihrem Mann im eigenen Haus und hat noch Geissen, eine Katze und einen Hund.