Ines Reeb Gische: Kaspar Rinnstein ist tot

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Kaspar Rinnstein ist tot.

Na und!? Wer war Kaspar Rinnstein? Wer trauert schon um ihn?
Wenn sich bei der Geburt eines Menschen niemand darüber gefreut hat, dass er da ist, dann trauert auch keiner um ihn, wenn er nicht mehr da ist.

Wir befinden uns hier, um des Verstorbenen Kaspar Rinnstein zu gedenken. Man könnte ihn auch den Verblichenen, den Erlösten oder sonstwie nennen und alles wäre unpassend. Das einzig Zutreffende, was es über Kaspar Rinnstein zu sagen gibt, ist: der Weggelaufene.
Sein ganzes Leben war ein Weglaufen.  Seine Mutter, die sich überhaupt nicht über Kaspar Rinnsteins Geburt gefreut hatte, ist auch gleich danach weggelaufen. So weit weg, dass niemand sie finden konnte. Zum Glück, oder auch nicht, wurde Kaspar Rinnstein in einem Rinnstein gefunden.

Gute, saubere Menschen nahmen sich seiner an. Diese Menschen gaben ihm zu essen und passten auf, dass er sich vor dem Betreten des Hauses immer die Schuhe abstreifte und vor dem Essen die Hände wusch.

Als er sechs Jahre alt wurde, bekam er zum Geburtstag, oder zu dem Tag, an dem man annahm, dass Kaspar Rinnstein geboren war, einen Kanarienvogel. Kurz vor seinem siebten Geburtstag flog ihm der Vogel davon. Die guten Menschen schimpften mit Kaspar Rinnstein, weil er auf nichts richtig achtgeben konnte.

Zum zehnten Geburtstag schenkte die Nachbarsfrau Kaspar Rinnstein ein Katzenjunges. Nachts durfte das Kätzchen zu ihm ins Bett, obwohl die gute Frau dies ausdrücklich verboten hatte. Eines Morgens hatte Kaspar Rinnstein es nicht rechtzeitig geschafft, das Kätzchen aus seinem Bett zu vertreiben. Das übernahm dann die gute Frau. Sie machte es gründlich. So wie alles, was sie in Angriff nahm. So gründlich, dass das Kätzchen weglief und nie mehr zurückkam.
Kaspar Rinnstein war unverbesserlich. Sagte die gute Frau immer. Und behielt recht.
Im Tierheim hatte Kaspar Rinnstein einen netten Hund kennengelernt, den er mit zu den guten Leuten nahm. Die gute Frau schimpfte über die vielen Tiere. Sie verbot Kaspar Rinnstein, den Hund ins Haus zu lassen und kümmerte sich danach weder um den unverbesserlichen Jungen, noch um den Hund. Beide hatten zu gehorchen. Das genügte. Und der Junge hatte sich nach dem Spielen mit dem Hund die Hände zu gründlich waschen.
Nachdem der Hund durch das Gartentor auf die Straße und dort direkt unter ein Auto gelaufen war, tat Kaspar Rinnstein das Einzige, was er von seiner Mutter gelernt hatte: Er lief weg. Er lief so weit weg, dass er zu müde war, um zu den guten, sauberen Menschen zurückzulaufen. Er legte sich in einen Rinnstein und wartete.

Am vierten Tag fanden sie ihn. Im Heim musste er sich nicht vor jedem Essen die Hände waschen. Sie waren ja auch nicht schmutzig. Dort war Tierhaltung strengstens verboten.
Nach unzähligen Tagen, die wie einer wirkten, weil sie alle gleich waren, lief Kaspar Rinnstein weg. Er war, wie immer: unverbesserlich. Er lief ohne acht zu geben und ohne zu wissen, wohin. Er wusste ja auch nicht, wohin seine Mutter gelaufen war. Er lief und lief, bis ihn ein Lastwagen am Weiterlaufen hinderte.

Uns bleibt nur zu hoffen, dass Kaspar Rinnstein gut angekommen ist.

 

Über Ines Reeb Gische: Ich wurde vor 52 Jahren im rumänischen Banat (ehemals Österreich-Ungarn) in eine Welt hineingeboren, die gleichermaßen von den alten Werten der Doppelmonarchie und unbegreiflichen sozialistischen Vorschriften geprägt war. Ich bin Ingenieurin für Maschinenbau und habe drei erwachsene Kinder. In meiner Freizeit verfasse ich literarische und journalistische Texte. Seit 1986 lebe und arbeite ich in Würzburg.