Magdalena Mitterer: Weihnachtsengerl

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Donnerstag, 22.12.2005

8 Uhr 46

Gregor B. wird in Wien geboren.

Er wiegt 3210g und ist 50 cm groß. Kopfumfang 36 cm.

..seine Herzens-Eltern wissen noch nichts von ihrem Glück...

 

Freitag, 23.12.2005

ca. 15 Uhr: Meine Nichte und ich waren am Eislaufplatz. Erster Feriennachmittag, letzter Tag vor dem Heiligen Abend. Plötzlich ein Anruf von meinem Mann.

Seine Worte: „ Das glaubst du nie, was ich gerade für einen Anruf bekommen habe.“ Ich konnte mir nix Besonderes vorstellen. Und doch hatte ich so ein eigenartiges Bauchgefühl, das ich in dem Moment aber nicht wirklich wahrnehmen konnte. Dann sagte er etwas von einem Baby und dass es ein Bub ist und wir ins Magistrat fahren sollen – so schnell wie möglich! Da fiel der buchstäbliche Groschen - ich konnte nichts sagen sondern Tränen stiegen mir in die Augen. Da stand ich und konnte es nicht fassen. Das, worauf wir so lange gewartet haben sollte wirklich wahr werden?

Meine Nichte wusste natürlich nicht, warum ihre Tante mitten am Eislaufplatz in Tränen ausbricht und fragte mich, was denn los sei. Ich sagte: “Wir bekommen ein Baby.“  Worauf sie mit sehr erstaunter Miene erwiderte: „Was? Jetzt?“. Da sie über unsere Adoptionspläne Bescheid wusste, begriff sie schnell, was los war, umarmte mich und war genau so aufgeregt wie ich.

Wir machten uns sofort auf den Weg zum Magistrat, wo wir meinen Mann treffen sollten. Wir rannten zum Gebäude der MA 11.

Die Sozialarbeiterin, die uns schon durch den ganzen Adoptionsprozess hindurch begleitet hatte, begrüßte uns und erzählte uns alles, was sie von der „Bauch-Mama“ wusste. Ich konnte mir in dem Moment nicht viel merken, weil ich so aufgeregt war. Ich wollte nur so schnell wie möglich ins Spital und endlich unser Baby sehen!

Die Sozialarbeiterin zeigte uns ein Passfoto von der Frau, die wir immer schon „Bauch-Mama“ nannten. Sie ist sehr hübsch, dachte ich und sie sah auf dem Foto sehr jung aus. Ich verspürte in dem Moment, obwohl ich nicht wirklich aufnahmefähig war, eine ganz große Dankbarkeit dieser Frau gegenüber, die mir ihr Kind geben wollte. Diese Dankbarkeit verspüre ich heute noch und hoffe von ganzem Herzen, dass sie bei der „Bauch-Mama“ irgendwie irgendwann ankommt.

Alles schien wie im Film ab zu laufen und ich stand ziemlich neben mir. Selbst mein Mann, den sehr selten etwas aus der Ruhe bringt, schien in dem Moment nervöser zu sein als bei unserer Hochzeit (und da hat er ordentlich geschwitzt).

Uns fielen in dem Moment keine Fragen ein – und wir vergaßen sogar, dass ja eigentlich der letzte Tag vor Weihnachten war.

Sofort machten wir uns auf den Weg in die Klinik. Vor lauter Aufregung stiegen wir fast in die falsche Straßenbahn ein – wir konnten überhaupt nicht klar denken!

Dort angekommen, suchten wir eine Krankenschwester, die schon informiert war, dass wir kommen würden. Sie führte uns in ein ruhiges, leicht abgedunkeltes Nebenzimmer, in dem wir alleine waren.

Plötzlich kam sie mit einem kleinen roten Baby-Gitterbettchen hereingefahren. Ich sah nur mehr schwarze Haare und einen gelben Babybody, als sie dieses kleine Wunder heraushob und konnte mich vor Freude und Rührung und Glück nicht mehr halten. Völlig aufgelöst sagte ich zu meinem Mann: „Nimm ihn du.“  Ich hatte das Gefühl, dass mein Herz vor Glück zerspringen würde. Das war mein Geburtsmoment.

Im Gesicht meines Mannes spiegelten sich meine eigenen Gefühle. Dann nahm ich unseren Sohn in Empfang.

Von der ersten Sekunde an waren wir in unser Baby verliebt.

Meine Nichte durfte Gregor natürlich auch halten und sie freute sich mit uns. Sie war sehr stolz, dass sie die Erste der Familie war, die das neue Mitglied begrüßen durfte. Für mich war auch das etwas besonders Schönes.

Wie lange wir in diesem Raum alleine mit unserem neuen wunderschönen Baby waren, kann ich nicht mehr sagen. Für mich ist die Zeit da stehen geblieben.

Am liebsten hätten wir unseren Sohn natürlich gleich mit nach Hause genommen. Die Vorstellung, dass ich ihn noch im Krankenhaus zurücklassen musste war furchtbar.

Ein sehr netter Arzt erklärte uns aber alles, machte noch einige Untersuchungen und sagte, dass wir ihn am nächsten Tag mit nach Hause nehmen dürfen, wenn sich nichts ändert.

Es war noch ein langer Abschied.

Völlig erledigt daheim angekommen, mussten wir natürlich gleich unsere Familien und Freunde anrufen und Mails mit den ersten Fotos verschicken. Alle freuten sich mit uns und viele Tränen wurden noch vergossen.

Voller Vorfreude packte ich alle Babysachen aus, die ich in weiser Voraussicht (von meinem Mann manchmal belächelt) von meiner Freundin gesammelt hatte. Das Gitterbett wurde aufgestellt und alles für die Abholung fertig gemacht.

An Schlaf war in dieser Nacht, aufgewühlt wie wir waren, kaum zu denken.

 

Samstag, 24.12.2005, Heiliger Abend

Bald in der Früh wachte ich - bekennende Langschläferin-auf, sah ins leere Gitterbett und konnten nicht fassen, dass wir heute unser Kind bekommen würden – unglaublich!

Zuerst mussten allerdings noch einige Dinge erledigt werden – und zwar schnell. Schließlich war ja auch Weihnachten!

Ich machte mich auf den Weg um ein paar Babybodies und etwas Warmes für die Reise nach Hause zu besorgen. Mein Mann kaufte für das weihnachtliche Abendessen ein.

Ich ging wie auf Wattewolken. Mit breitem Grinsen bezahlte ich die Babysachen und trällerte der Dame überschwänglich entgegen: „Wissen sie, ich bekomme heute mein Kind!“ Erst ihr Gesichtsausdruck machte mir klar, dass sie vermutlich eher an die Folgen vorweihnachtlichen Alkoholkonsums gedacht hatte, als an Mutterfreuden meinerseits.

Dann sollte noch ein Christbaum her, aber es war schon Mittag und wir konnten keinen Verkaufsstand mehr finden.

Das machte mich ein bisschen traurig – Weihnachten ohne Christbaum? Aber dann fiel mir wieder ein, dass wir ja unser Baby bekommen - da kann ich auch auf den Baum verzichten, dachte ich.

Unsere Freunde holten uns mit dem Auto ab, da wir keines haben und die Heimreise so natürlich einfacher war. Und siehe da – sie brachten uns einen Christbaum! Alles so perfekt!

In der Klinik fand ich gleich Gregors Bettchen und begrüßte ihn. Als ich ihn sah spürte ich wieder, wie mein Herz einen Hüpfer machte vor Freude. Wir durften ihn gleich umziehen, bekamen die Entlassungspapiere und dann ging es schon ab nach Hause.

Das war der schönste Weihnachtsabend unseres Lebens!

Wir schauten die ganze Zeit unser kleines Wunder an und konnten unser Glück einfach nicht fassen. Unser Weihnachtsengerl!


Magdalena Mitterer, geboren 1970 in Oberösterreich, Ried im Innkreis. Ich habe drei Brüder, zwei ältere und einen jüngeren, die alle in Wien leben. Meine Eltern leben in Oberösterreich. Wir, mein Mann und unser Adoptivsohn Gregor, wohnen in Wien im 5.Bezirk.
Ich bin ausgebildete Sonderschullehrerin, aber nicht mehr in der Schule tätig. Zwischen 2004 und 2008 war ich selbstständig als Bachblütenberaterin und Nuad-Praktikerin. Derzeit arbeite ich in einem Büro eines sozialen Vereins in Wien. Vor meiner Zeit in Wien hatte ich längere Auslandsaufenthalte, davon 2 Jahre in Dublin und 2 Jahre in London. 1998 kam ich endgültig nach Wien, wo ich bis 2004 in der Schule als Lehrerin arbeitete. 2005 kam unser Sohn in Wien zur Welt - unser Weihnachtsengerl.