Gabriele Datenet: Wer bin ich?

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. | Drucken |



Emma keuchte, als die ersten Spritzer des eisigen Wassers ihr Gesicht benetzten. Immer wieder klatschte sie sich das kalte Wasser ins Gesicht, als könnte sie damit die Hitze aus ihm herausspülen und die Gedanken vertreiben, die sich schmerzhaft in jede Faser ihres Herzens bohrten.

Familie ... War diese eben noch die Quelle der Kraft und der Liebe gewesen, so umgaben sie jetzt lange Schatten aus Angst und Verzweiflung und brachten ihr bisheriges Leben zum Wanken. Die Unterlagen auf dem Stuhl neben ihr schienen zu brennen. Warum war sie bloß zum Dachboden hinaufgestiegen und hatte neugierig in diesen Karton geguckt, der hinter einem kleinen Schränkchen verborgen stand? Wie absichtlich versteckt, unsichtbar für die Außenwelt. Emma hielt sich am Waschbecken fest und schluchzte. Sie war als Baby adoptiert worden. Ihre Eltern waren gar nicht ihre Eltern, ihr Bruder nicht ihr Bruder. Wer war sie? Warum hatte man sie weggegeben? Wer waren ihre leiblichen Eltern? Waren sie ihr ähnlich? Emma verstand die Welt nicht mehr.

„Wer bin ich?“, flüsterte sie. Das Gesicht im Spiegel schwieg. Die rot geweinten Augen starrten sie hilflos an. Es kam Emma vor, als stände sie einer völlig Fremden gegenüber. Und doch wusste sie, dass es ihr Gesicht war, das so verzweifelt dreinblickte. Wer bin ich? Wie ein Hagelschauer, der sich über sie ergoss, prasselten Fragen auf sie herab. Kalt und unangenehm. Am liebsten wäre sie davon gelaufen. Aber konnte man das überhaupt? Davonlaufen? Würde sie dann nicht all die unbeantworteten Fragen mitnehmen, die sich wie Kletten an sie hefteten, sie festhielten, ihr wehtaten und sie im Ungewissen ließen. Warum hatte man ihr das nie erzählt? Warum nicht? Vielleicht wäre sie als kleines Kind anders mit diesem Wissen umgegangen. Mit Normalität und Selbstverständlichkeit, weil sie es doch gar nicht anders gekannt hätte. Aber jetzt? Emma war es, als hätte man sie gerade entwurzelt. Sie drohte zu fallen wie ein Baum, der im Sturm seinen Halt verlor. Schmerz und Enttäuschung fraßen sich unaufhaltsam in ihre Seele. War Schweigen nicht auch eine Lüge? Ihr wurde schwindlig und sie musste sich auf den Toilettendeckel setzen. Wer bin ich, hämmerte es unermüdlich in ihrem Kopf. Wer bin ich?

„Emma, ist alles in Ordnung?“ Ihre Mutter. Sie machte sich Sorgen. Machten sich leibliche Eltern anders Sorgen?

„Ja, Mama, alles in Ordnung.“

Mama ... Wie das jetzt auf einmal klang? Irgendwie fremd. Wo war ihre richtige Mutter? Könnte sie jemals Mama zu ihr sagen? Emma sah auf die Papiere neben sich. Die Schriftzeichen darauf verschwammen vor ihren Augen. Was sollte sie jetzt bloß tun? Sofort ihre Familie damit konfrontieren, sie Rede und Antwort stehen lassen? Aber würde sie dann nicht auch ihren kleinen Bruder in einen Gewissenskonflikt bringen? Emma putzte sich die Nase. Vielleicht sollte sie ihr Wissen vorerst für sich behalten, bevor es womöglich noch zum Streit kam und sie Dinge aussprach, die ihr hinterher Leid taten. Emma atmete tief durch. Ja, so würde sie es machen. Erst einmal zur Ruhe kommen, über alles nachdenken. Ihre Eltern hatten es bestimmt nicht böse gemeint. Vielleicht hatten sie einfach nur den richtigen Zeitpunkt verpasst ...

Emma versuchte mit Schminke ihre rotgeweinten Augen zu kaschieren, legte ein bisschen Rouge auf die blassen Wangen, steckte die Schriftstücke in die Gesäßtasche ihrer Jeans und ging in die Küche.

„Schatz, was ist mit dir?“, fragte ihre Mutter besorgt. „Bist du krank?“

Emma schüttelte den Kopf. „Nein, nur etwas Kopfweh.“

Sie sah auf ihren Teller. "Eigentlich habe ich gar keinen Hunger.“

„Ich mach dir einen Pfefferminztee“, sagte ihre Mutter. „Der wird dir gut tun.“

Emma kamen die Tränen, als sie ihre Mutter mit der Teekanne hantieren sah. Sie blinzelte sie schnell weg. Jetzt bloß nicht heulen!

Sind nicht eher die Menschen die wahren Eltern, die ein fremdes Kind wie ihr eigenes annehmen? Die es lieben, als hätten sie es selbst geboren?

Die Hand ihres Bruders legte sich auf ihren Arm. „Emma, bist du traurig?“, fragte er.

„Nein, David.“ Sie lächelte ihn an. Ihr kleiner Bruder war noch so unbedarft. Für ihn war die Welt eine große wunderbare Manege. Sie liebte ihn so sehr. „Ich lese dir nachher noch was aus deinem Lieblingsbuch vor, wenn du magst“, sagte sie. „Was meinst du?“

“O ja! Emma! Das wäre cool!“, freute er sich und biss in sein Wurstbrot. Emma sah von einem zum anderen, während sie ihren Tee trank. Sie fühlte sich plötzlich wie eine Fremde, als gehörte sie gar nicht hierher. Wer bin ich? Wo sind meine Wurzeln? Traurigkeit kroch in jede Zelle ihres Körpers, umklammerte schmerzhaft ihr Herz.

Wer bin ich? Worte, die unerbittlich in ihrem Kopf hämmerten wie ein Hammer auf einen Amboss. Wer bin ich? Wo komm’ ich her? Emma hielt sich die Ohren zu. Sie wollte nichts mehr hören, wollte all das vergessen, doch unbarmherzig drangen die Worte an ihr Ohr: Du bist ein ungewolltes Kind! Deine richtigen Eltern haben dich weggegeben, weil sie dich nicht lieb hatten ...

Tränen rannen ihr augenblicklich übers Gesicht. Sie sprang auf, rannte in ihr Zimmer und warf sich schluchzend aufs Bett. „Wer bin ich?“, flüsterte sie. „Wer bin ich?“

Emma fühlte plötzlich die Hand ihrer Mutter, die liebevoll über ihr Haar strich.

„Meine Süße, erzählst du mir, warum du so traurig bist?“

„Hau ab!“, rief Emma. „Lass mich in Ruhe!“

„Erst wenn du mir gesagt hat, was dich bedrückt.“

Emma schwieg.

„Du kannst mir alles sagen, Emma.“

„Nein!“

„Aber ich mach mir Sorgen um dich.“

„Na und? Ist mir doch egal!“

„Emma, ich habe gedacht, wir vertrauen einander.“

„Das dachte ich auch!“

„Warum sagst du so was?“

Emma drehte sich um und sah ihre Mutter verärgert an.

„Du sprichst hier von Vertrauen!“, rief sie. „Ausgerechnet du! Dabei hast du mich die ganze Zeit über angelogen!“

Erschrocken sah ihre Mutter sie an. „Angelogen? Aber Emma, das habe ich nie getan? Wie kommst du denn bloß darauf?“

Emma zog die Papiere aus der Tasche und warf sie ihr hin. „Deswegen! Hier steht es schwarz auf weiß!“

Ihre Mutter wurde blass. „Woher hast du diese Sachen?“

„Hätte ich die vielleicht nicht finden dürfen? Wann hättest du es mir denn gesagt?“

Sie sah ihre Mutter traurig an. „Weißt du eigentlich wie ich mich jetzt fühle? Wie entwurzelt fühle ich mich!“ Sie schluchzte. „Ich möchte jetzt sofort wissen, wer meine richtigen Eltern sind? Wer ist meine Mutter?“

„Emma, wir hätten es dir gesagt. Jetzt noch nicht, aber irgendwann. Es ist eine völlig komplizierte Geschichte.“

„Ich höre!“

Ihre Mutter zögerte. Dann stand sie auf, nahm das Foto ihrer jüngeren Schwester von der Wand und drückte es Emma in die Hand. „Das ist sie“, sagte sie. „Deine richtige Mutter.“

„Emma starrte das Foto an. „Mama, du willst mich jetzt veräppeln! Das ist Tante Hanna!“

„Ja, Emma. Das ist Tante Hanna. Deine Mutter.“

Emma war sprachlos. „Aber...“

Die Mutter setzte sich neben Emma aufs Bett und legte zärtlich den Arm um sie. Und während beide auf das Foto sahen, begann ihre Mutter zu erzählen:

„Hanna war damals genauso alt wie du jetzt, als sie schwanger wurde. Fünfzehn. Sie hatte dich vom ersten Augenblick an gewollt, hatte keinen einzigen Moment daran gedacht, dich wegzugeben.“

„Nein?“

„Nein, Emma. Sie wollte dich unbedingt. Sie war so glücklich gewesen, als sie dich zum ersten Mal in ihrem Armen gehalten hatte. Sie wollte eine gute Mutter sein, doch sie war völlig überfordert gewesen, kam mit der ganzen Situation nicht mehr zurecht. Manchmal ging sie heimlich aus und ließ dich allein zurück ... Wir hatten nicht gesehen, dass sie drogensüchtig geworden war ... Sie hat dich mit diesem Zeug fast umgebracht ...“

„Und dann? Erzähl weiter, Mama“, sagte Emma.

„Damals ... da habe ich gerade noch gesehen, wie du dir die Pillen in den Mund gesteckt hast, während meine Schwester vollgedröhnt auf dem Sofa lag ... Ich habe dich sofort ins Krankenhaus gebracht ... Hanna war so erschrocken darüber gewesen, dass sie direkt eine Therapie begonnen hat. Sie wollte dich, aber sie konnte dir zu dieser Zeit keine gute Mutter sein. Auf ihren Wunsch hin haben wir dich adoptiert.“

Zart strich sie mit dem Finger über den Rahmen. „Emma, du bist unser ein und alles. Wir lieben dich wie ein eigenes Kind. Und für Hanna bist du das auch, das Liebste, was es gibt auf der Welt. Wir haben aus Liebe zu dir so gehandelt, handeln müssen. Es tut mir Leid, dass du das so erfahren musstest.“ Sie drückte Emmas Hand. „Hanna liebt dich über alles. Sie ist so stolz auf dich.“

In Emma breitete sich plötzlich eine ungewöhnliche Ruhe aus und die schlimmen Gedanken fielen von ihr ab. Tante Hanna war ihre leibliche Mutter. Fühlte sie sich deshalb so mit ihr verbunden? Sie sah auf das Foto ihrer Tante. Hanna hatte die gleichen blonden Locken wie sie, die gleichen dunklen Augen ... Ihre Wurzeln ... die waren immer hier gewesen ...

Aber Tante Hanna war ihre Tante. Sie konnte nicht plötzlich ihre Mutter sein ...

Emma fuhr sich über die Augen. „Und wer ist mein Vater?“, fragte sie.

Es fiel Emmas Mutter sichtlich schwer darüber zu reden.

„Marcel ... er war genauso alt wie Hanna“, sagte sie leise. „Er hat es nie geschafft, von dem Zeug wegzukommen. Vor zehn Jahren ist er an einer Überdosis Heroin gestorben.

Er war immer so stolz gewesen, eine so hübsche Tochter zu haben. Soll ich Hanna herbitten, damit ihr miteinander reden könnt?“

Emma schüttelte den Kopf. „Nein, Mama, noch nicht“, antwortete sie. „Ich muss noch darüber nachdenken. Sag ihr bitte nichts davon, dass ich Bescheid weiß. Ich möchte es ihr selber sagen. Nicht jetzt, aber irgendwann, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist.“

Sie kuschelte sich wie ein kleines Kind in die Arme ihrer Mutter. „Ihr seid die beste Familie der Welt. Du, Papa, David und Tante Hanna. Ich liebe Euch so sehr.“

 

Gabriele Datenet wurde 1956 in St. Blasien im Schwarzwald geboren. Heute lebt sie in Niedersachsen bei Hamburg und arbeitet als Angestellte bei einer Behörde.
Die Natur und das Fotografieren gehören neben dem Schreiben zu ihren großen Hobbys. Hin und wieder greift sie auch zu Pinsel und Farbe. Ihre Liebe gehört auch ihren Tieren, besonders denen, die von ihren Besitzern ausgestoßen und „weggeworfen“ wurden. Deshalb liegt es ihr besonders am Herzen, sich für den Tierschutz zu engagieren. Zahlreiche Kurzgeschichten der Autorin sind bereits in Anthologien verschiedener Genres veröffentlicht worden. Unter anderem auch Krimis und Kinder- und Jugendgeschichten. Beim Schreibwettbewerb des P&B-Verlages gewann sie 2009 mit ihrer Gänsegeschichte „Humpelinchen“ den ersten Preis. Mit ihrer Obdachlosen-Kurzgeschichte „Marthe“ belegte sie den zweiten Platz des Literatur-Wettbewerbs 2010 des Hauses St. Martin am Autoberg in Hattersheim. Und mit ihrer Anti-Gewalt-Geschichte „Familie im Schatten“ eroberte sie 2011 den ersten Platz des Schreibwettbewerbs der Jugendbuch-Anthologie „Voll in die Fresse“ des Rollfinke-Verlags.