Stephanie Urbat-Jarren: Daddy | Vater

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Daddy

 

Weil du der erste Mann warst der mich küsste und mich in seine Arme schloss.

Weil du meine Wunden verbunden hast und sagtest: "Indianerherz kennt keinen Schmerz", aber trotzdem darauf geachtet hast, ob es nicht schlimmer war als es aussah.

Weil du Bibi Blocksberg für mich im Auto auf der Fahrt ertragen hast. 24 Stunden lang Hex Hex.

Weil du meinen Gepäckträger losgelassen hast, obwohl du versprochen hast es nicht zu tun (Danke, für den Sturz über den Zaun).

Weil du mich auf alle Bäume hast klettern lassen und danach mit mir im Krankenhaus saßt, weil ich mir wieder einen Arm gebrochen hatte.

Weil Du gesagt hast: "Voltigieren ist doch kein Sport", und trotzdem zu den Vorführungen gekommen bist.

Weil Du im Wohnzimmer saßt, während ich Schlagzeug spielte und tapfer weiterhin versucht hast, Tennis im Fernsehen zu gucken - lächelnd.

Weil du mich von der Party abgeholt hast, auf der ich mit 15 eine Flasche Apfelkorn alleine getrunken habe und du mich dann an Mama vorbei geschmuggelt hast, bis ich mich später kopfüber auf der Toilette selber verraten habe.

Weil Du eine durchgedrehte Teenagertochter ertragen hast. Weil Du nie die Hand gegen mich erhoben hast.

Weil Du, als ich den Neuwagen geschrotet habe, nur gesagt hast: "Hauptsache dir ist nichts passiert, meine Kröte."

Weil Du, als Mama mit mir gehen wollte, gesagt hast, meine Tochter bleibt bei mir, obwohl Du wusstest, dass Du nicht mein leiblicher Vater bist.

Ich jedoch erst viele Jahre später. Dafür Daddy…dafür danke ich Dir und dafür liebe ich Dich.

 

 

Vater

 

Weil du mich nie gehalten hast.

Weil du von mir verlangt hast, dass ich, nachdem ich wusste, dass Du mein leiblicher Vater bist, keinem deiner Familie davon erzähle.

Weil Du versucht hast, dir meine Zuneigung zu erkaufen.

Weil Du mich als deinen größten Fehler siehst, obwohl ich kein Fehler bin.

Weil du mir meine Brüder vorenthalten hast.

Weil Du der bist, der 34 Jahre lang mit einer Lüge leben konnte.

Weil Du der bist, der noch nie seine Enkelkinder gesehen hat.

Weil Du beruflich hoch angesehen warst, aber im wahren Leben ein Versager bist.

 

Weil Du, als deine Lüge aufgeflogen ist, mich verstoßen hast.

Deswegen lieber Vater… deswegen spüre ich keine Liebe für Dich.

 

Stephanie Urbat-Jarren, geboren 1975 in Hamburg. Ich bin alleinerziehende Mutter von 3 Söhnen und schreibe schon mein ganzes Leben. Viel für die Jungs, aber auch Gedichte und Kurzgeschichten. Mein erstes Buch wurde im Februar 2012 im Traumstundenverlag veröffentlicht und heißt "Kabischubi und die Herzsteine".