Emily Bäcker: Man muss sich das so vorstellen

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Man muss sich das so vorstellen:

Ich sollte keine Familie mehr haben. Weil sie nicht gut für

mich war. Für meinen Körper und meine Seele.

Das sah der Chefarzt der Klinik so, die Mitarbeiter des verständigten Jugendamtes, Beamte der Polizei und die Staatsanwaltschaft.

Vermutlich hatten sie recht oder besser, ja, genau so musste

es kommen und ja, es war richtig so.

Aber was macht man mit einem 15 Monate alten Kleinkind?

Das Beste wären neue Eltern, fanden die Behörden und deswegen kam ich zu meinen jetzigen Pflegeeltern, die

einfach nur Mum und Papa für mich sind.

Die beiden waren kinderlos aber mit einem wahnsinnig

riesigen Wunsch nach eigenen Kindern.

Sie hatten viel versucht, künstliche Befruchtung - das

volle Programm - aber Papas Spermien waren nach zwei Krebserkrankungen nicht mehr fähig.

Und ich bin froh darum.

Wer weiß, wo ich sonst gelandet wäre? Vielleicht im Heim?

Ich möchte zwar nicht die Qualität von Kinderheimen in

Frage stellen, aber ein heimeliges Häuschen, mit zwei

festen, liebevollen und starken Bezugspersonen, die eigene Bedürfnisse hinten anstellen, um ein mehrfach

traumatisiertes Kind als ihr eigenes fortan bei sich

aufzunehmen, ist tausendmal besser.

Mir ging es in der Übergangsfamilie zwar nicht schlecht,

aber dennoch war das kein Dauerzustand.

Denn wenn das Urvertrauen in die Welt von Anfang an so negativ geprägt wurde, sind zwei Menschen mit ihrer Liebe, Fürsorge und Sicherheit genau das, was neben der materiellen

Versorgung dringend notwendig ist.

Und was soll ich sagen?

Wir sind eine Familie. Geworden.

Das war nicht leicht, aber das hat uns auch niemand versprochen.

Das kam nicht von einem Tag auf den anderen. Denn das

musste sich erst langsam entwickeln.

Das war eine Meisterleistung und Knochenarbeit.

Gefühlt wie „Wir Drei gegen den Rest der Welt“ und ein bisschen wie Odysseus auf seinen Irrfahrten in der

griechischen Mythologie.

Aber ich denke, dass wir mit ziemlichem Stolz behaupten können, dass wir eine Familie sind und zusammengehören.

Egal, ob eine genetische Verwandtschaft besteht oder nur

eine räumliche, weil wir zusammen in einer Wohnung leben.

Mein Papa würde nie sagen „das ist das Kind, das wir so wohltätig bei uns aufgenommen haben“ und auch nicht „das

ist mein Pflegekind“. Nein, ich bin seine Tochter.

Und mit dieser Liebe, die in diesen Worten steckt, macht er

alles gut, was damals war. Und das, obwohl er nicht ein Fünkchen Schuld an der grausamen Vergangenheit trägt.

Mit Schuldgefühlen müssen sich andere Menschen auseinandersetzen.

Das Einzige was ich früher empfand, war absoluter Hass, unbändige Wut und Unverständnis.

Wie kann man einen Säugling einfach so brutal zusammenschlagen?

Mit den Jahren beschäftigte mich dann jedoch immer mehr die Frage, was die Menschen antreibt, dass sie zu solchen Taten
im Stande sind.
Und dann wandelte sich der Hass in Mitleid.
Mitleid für emotional so verkümmerte Menschen, die ohne Gewissen wehrlose, unschuldige Babys misshandeln.

Ich denke, dass ich mit der Unterstützung und mit Mum und Papa als positivem Vorbild zu einer verständnisvollen
Haltung gekommen bin.
Zum Verständnis und zur Erkenntnis, dass es solche und
solche Menschen gibt, Menschen, die in ihrer Verzweiflung etwas absolut Falsches tun und Menschen, die diese Verzweiflung anderer ausbaden müssen und es zum Positiven wenden.

Wie Mum und Papa.

Sie kämpfen für ein Leben.

Für mein Leben.

Für mein Leben ohne Angst, nach Erfahrungen, die kein

Mensch machen sollte, und für ein Leben mit vielen Möglichkeiten und Perspektiven.

Die noch anstehende Adoption, die mich dann offiziell

zu ihrem Kind macht, bildet nur das Tüpfelchen auf dem „i“.

 

Denn eigentlich brauchen wir das nicht.

Wir können auch so eine Familie sein.

In unseren Herzen.


Über Emily Bäcker:
1992 geboren, mit 21 Monaten auf Grund schwerster Misshandlungen in der Ursprungsfamilie als Pflegekind zu Pflegeeltern gekommen, Abiturientin.