4. Geschwister

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Geschwisterbeziehungen sind die längsten Beziehungen im Leben eines Menschen. So wie die eigenen Eltern, kann man sich auch seine Geschwister nicht aussuchen. In Adoptivfamilien allerdings gibt es sehr unterschiedliche Wege, wie Geschwister zu solchen werden können.

 

Manche Familien haben bereits mehrere leibliche Kinder und wollen nun noch ein Adoptivkind aufnehmen. Bei anderen hat es nach dem ersten leiblichen Kind nicht mehr mit einer Schwangerschaft geklappt, sodass sie nun ein Geschwisterkind adoptieren wollen. Oder es war genau umgekehrt: nach der Adoption eines Kindes wurde doch noch ein leibliches Kind geboren.
Wieder andere Familien ohne leibliche Kinder entschließen sich nach dem Erfolg ihrer ersten Adoption, noch ein oder mehrere Adoptivkinder in die Familie aufzunehmen. Und nochmals andere adoptieren auf einen Schlag mehrere Kinder, in der Regel ein Geschwisterpaar oder eine Geschwistergruppe. So oder so ähnlich entstehen dann Familien mit mehreren Kindern, die ganz oder teilweise durch Adoption begründet wurden.

Geschwister durch Adoption
Nach dem Erfolg der ersten internationalen Adoption und der Einsicht, dass dieser Weg zu bewältigen ist, spielen viele Adoptiveltern mit dem Gedanken an eine weitere Adoption. Dabei tauchen Fragen auf, die sich auch leibliche Eltern stellen: Welcher Altersabstand zwischen den Geschwistern ist für uns am besten? Wie gehen wir mit Geschwisterrivalitäten um? Wäre es besser zwei Jungen, zwei Mädchen oder ein Pärchen zu haben? Sollen wir ein Kind aus demselben Herkunftsland adoptieren?

Geschwisterfolge
Was in leiblichen Familien nicht möglich ist, dass nämlich das mittlere oder gar das älteste Kind als letztes in die Familie kommt, kann im Adoptionsfall durchaus passieren. Adoptionsforscher fanden heraus, dass es klare Zusammenhänge zwischen der Geschwisterkonstellation und dem Adoptionserfolg gibt und raten davon ab, die Geschwisterfolge zu „verdrehen“:

Bei Platzierung von Adoptivkindern soll eine natürliche Reihenfolge der Kinder angestrebt werden. Es zeigt sich, dass Adoptivkinder, die als älteste in eine Familie mit ausschließlich jüngeren Kindern gekommen sind, ein ungünstigeres Selbstkonzept entwickeln als Jugendliche, die als jüngstes oder als Einzelkind aufgenommen worden sind. Auch bei Zwischenplatzierungen finden viel öfter Fehlvermittlungen statt. (vergleiche René A. C. Hoksbergen: Geschwisterfolge bei Adoptions- und Pflegekindervermittlung, In: Werner Böcker / Volker Krolzik: Adoptionen in der Einen Welt. Hilfen zur Integration fremdländischer Kinder in Westeuropa, S. 68f.)

Die genauen Zahlen besagen, dass bei Kindern, die als älteste in eine Familie kamen, die Adoption doppelt so häufig scheiterte wie bei der Aufnahme als jüngstes Kind. Bei einer Zwischenplatzierung in der sogenannten „Sandwich-Position“ scheiterte die Adoption sogar sechsmal häufiger. (vergleiche Gesine Lange, Auslandsadoption. Wissenswertes zu einem aktuellen Thema, Idstein 2000, S. 91).
Für dieses Zusammenspiel bietet sich folgende Erklärung an: wenn ein Kind zum Zeitpunkt seiner Adoption schon einige Jahre alt ist, muss vor allem bei Heimkindern mit starken Deprivationsfolgen gerechnet werden. Das bedeutet, das Kind hat über lange Zeit existentiellen Mangel an Zuwendung, Ansprache, Fürsorge, vielleicht auch Nahrung und Pflege gelitten. Wenn es nun als ältestes Kind in die Familie kommt, kann es die versäumten Entwicklungsschritte viel schlechter nachholen. Vielleicht gerät es sogar gegenüber den jüngeren Geschwistern in einen Entwicklungsrückstand, der sein Selbstwertgefühl zusätzlich schwächen kann. Auch für die bereits vorhandenen Geschwisterkinder ist es in der Regel einfacher, wenn ein jüngeres Kind in die Familie kommt. Einem Baby wird die Pflege und Aufmerksamkeit der Eltern am ehesten zugebilligt (vergl. Lange, ebd.) und außerdem bietet es den älteren Geschwistern Gelegenheit, den Neuzuwachs ebenfalls zu „bemuttern“.

Altersabstand
Wann aber ist der ideale Zeitpunkt, an eine zweite Adoption zu denken?

In verschiedenen Studien wird eindeutig angegeben, dass zwischen der Aufnahme des ersten und des zweiten Kindes mindestens drei Jahre liegen sollen. Wenn dieser Zeitraum kürzer ist, ist das Risiko von Eifersucht sehr groß. Die Situation birgt besonders viel Risiko wenn:

·     es sich um ein Kind handt, das älter als ein Jahr ist

·     das schon anwesende Kind nur ein oder zwei Jahre vorher platziert worden ist und sich noch immer in der Phase der Anpassung und Erholung von den früheren Trennungen und schlechten Umweltbedingungen befindet

Der zweite Punkt ist von wesentlicher Bedeutung, wenn es sich um Kinder handelt, die im Herkunftsland schlecht und von mehreren Menschen versorgt worden sind. Wenn diese Situation einige Jahre gedauert hat, ist wohl vorherzusagen, dass das Adoptivkind weniger leicht die Fähigkeit entwickeln wird, zu Erwachsenen eine emotionale Bindung aufzubauen. Der Erholungsprozess dieser Kinder dauert normalerweise einige Jahre. Oft ist gar nicht festzustellen, ob die generellen Gefühle der Unsicherheit und des Mangels an Vertrauen völlig verschwunden sind. In diesem psychischen Zustand eines drei- bis sechsjährigen Kindes ist es riskant, es nochmals schwer zu belasten. Extreme Eifersucht und Regression sind zu erwarten (vergleiche Hoksbergen, a.a.O., S.69).
Sind sowohl das jüngere als auch das ältere Geschwisterkind in ihrem Herkunftsland schwer vernachlässigt worden und brauchen sie ihre Eltern besonders stark, kann diese Aufgabe die Kraft eines Elternpaares auch übersteigen.

Einzelkind?
Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse könnte man meinen, dass viele adoptierte Kinder aus dem Ausland vielleicht besser Einzelkinder bleiben und in manchen Fällen wird das wahrscheinlich auch der Fall sein. Wenn es keinen Wettbewerb und keine Geschwisterrivalitäten gibt, können Kinder in der Vertrautheit mit den Eltern der Welt sorgloser begegnen und einen Platz in ihr finden. In den meisten Fällen tut es Adoptivkindern aber doch gut, Geschwister zu haben. Studien belegen, dass Jugendliche mit adoptierten Geschwistern auffallend günstigere Werte in den Bereichen "Selbstkonzept", "Verhaltensstörungen", und "Adoptionszufriedenheit" aufweisen, als die ohne adoptierte Geschwister (vergl. Lange, a.a.O., S.90). Dies gilt für Familien, die ausschließlich adoptierte Kinder haben genauso wie für diejenigen, in denen adoptierte und leibliche Kinder zusammen leben.

Adoptivkinder aus demselben Land oder aus verschiedenen Ländern?
Vor allem, wenn weiße Eltern farbige Kinder adoptiert haben, können Geschwister von besonderer Bedeutung sein. Dann stellt sich die Frage, ob Geschwisterkinder aus demselben Herkunftsland vorzuziehen sind, sodass zwei weiße Eltern zwei lateinamerikanische Söhne, zwei indische Töchter oder vier kleine Südafrikaner und -afrikanerinnen großziehen?

Es gibt eine Reihe von Vermittlungsstellen, die so denken und bei Zweit- oder Drittvermittlungen besonderen Wert darauf legen, dass (Adoptiv-) Geschwister aus demselben Land kommen. Andere argumentieren hingegen, dass „ethnisch gleiche“ Adoptivkinder unterschwellig darauf hinweisen, dass die biologische Abstammung doch wichtiger ist, als der Familienzusammenhalt. Eine „bunte“ Familie würde ihre besondere Stärke hingegen auch optisch zum Ausdruck bringen.

Beth Hall und Gail Steinberg halten solche Familien für Pioniere, die unserer Gesellschaft vorführen können, wie die verschiedensten Ethnien harmonisch unter einem Dach leben können. Hierbei nehme jedes Kind auf Grund seines besonderen Hintergrundes und seiner Erfahrungen einen ganz speziellen Platz ein und trage zum Ganzen der Familie bei. Durch die Einzigartigkeit aller Mitglieder, so die Autorinnen, werde auch die Konkurrenz unter den Kindern reduziert. Auch könne davon ausgegangen werden, dass (Adoptiv-)Geschwister auch bei unterschiedlichen Herkunftsländern und Ethnien sehr viel gemeinsam haben. Beispielsweise kommen sie aus einem Land, in dem sie nicht leben, teilen „Mama“ und „Papa“ und haben anderswo noch ein zweites Elternpaar. Damit haben sie genug vergleichbare Erfahrungen gemacht, um sich sehr gut gegenseitig unterstützen zu können (vergl. Gail Steinberg, Beth Hall: Inside Transracial Adoption, Indianapolis, 2000, S. 151).

Geschwister unterschiedlicher Ethnien
Eine spezielle und selten bedachte Stellung nehmen dabei die weißen Geschwister ein. Weiße Eltern, die schon weiße Kinder haben, sei es leiblich oder adoptiert, fragen sich vor der Adoption eines Kindes einer anderen Ethnie zumindest insgeheim, welche neuen Herausforderungen dadurch auf die Familie zukommen werden. Gail Steinbergs Sohn Seth war das einzige weiße Kind unter vier Geschwistern in der Familie.

Fallbeispiel Seth:

„Im Großen und Ganzen war es eine sehr positive Erfahrung... Was ich in unserer Familie gelernt habe, ist dass – weil wir alle so verschieden waren – ich immer dazu ermutigt wurde, mit meinen Stärken zu gehen.... Ich habe gelernt, sensibler gegenüber Verschiedenheiten zu sein und mich dadurch weniger bedroht zu fühlen. Ich habe kaum Vorurteile und kann deshalb mit einer größeren Anzahl von Menschen gut auskommen. Meine ganze Welt ist deswegen besser!
Wenn man ein Kind ist, will man Teil von allem sein. Ich aber fühlte mich immer anders. Ich dachte, alle sahen in mir den durch und durch amerikanischen Jungen. Aber ich war nur äußerlich weiß. ... Ich hatte Angst, dass die weißen Kinder mich nicht mehr mochten, wenn sie das herausfanden. Und ich wusste, dass meine Freunde offen für Verschiedenheiten sein mussten. Niemand, der glaubte eine Ethnie sei mehr wert als die andere, konnte mein Freund sein. Es war einfacher, meinen schwarzen Freunden zu vertrauen. Ich hatte irgendwie mehr mit ihnen gemeinsam.
(Steinberg/Hall, a.a.O., S.151f.)

"Gemischt-ethnische" Familien im Alltag

Nur wenige Weiße erleben den Umgang einer Gesellschaft mit anderen Ethnien hautnaher, als die Geschwister von Kindern einer ethnischen Minderheit, wobei immer wieder Loyalitätskonflikte entstehen können. Wenn weiße Geschwister nicht bei jedem rassistischen Witz die Stimme erheben, sind sie dann nicht loyal zu ihrer Familie? Wenn sie die Vorteile nutzen, die ihnen die Gesellschaft auf Grund ihrer Hautfarbe gewährt, verraten sie dann ihre Geschwister mit einer anderen Hautfarbe?

Trotz der Herausforderungen, die gemischt-ethnische Familien mit sich bringen, ist die Entwicklung einer Geschwisterbeziehung nur zu einem geringen Teil von der ethnischen Herkunft der Kinder abhängig. Gail Steinberg und Beth Hall geben eine Reihe von Tipps, wie Eltern ihren Kindern in der Geschwisterbeziehung helfen können:

·         Seien sie realistisch in Ihren Erwartungen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich Geschwister als Kleinkinder ausgezeichnet verstehen, sich dann voneinander entfernen, in stärkeren Wettbewerb zueinander treten und schließlich als Erwachsene wieder entdecken.

·         Behandeln sie jedes Kind individuell und versuchen sie nicht, für alle Kinder die gleichen Erziehungsvorgaben zu stecken. Was Kinder mehr als „Fairness“ brauchen, sind Eltern, die ihnen zur Seite stehen und ihnen helfen, ihre Bedürfnisse zu erfüllen, wie auch immer diese aussehen mögen.

·         Versuchen sie auch nicht, alle Kinder „gleich“ zu lieben oder für alle gleich viel Zeit zu haben. Seien sie stattdessen so für sie da, wie die Situation es verlangt. Wenn jedes Kind seine persönlichen Zeiten allein mit Mama oder Papa hat, kann das die Rivalitäten unter den Kindern stark verringern.

·         Vergleichen sie niemals ein Kind mit dem anderen, weder positiv noch negativ, auch wenn dieser einfach klingende Rat oft schwer zu befolgen ist.

·         Pflegen sie eine gemeinsame Familienkultur. Pflegen sie Traditionen aus den Herkunftsländern ihrer Kinder, gemeinsame Mahlzeiten und Einschlafrituale, Familienrezepte, Bücher, Lieder, Spiele, Ausflüge zu Lieblingsplätzen – all das kann das tiefe Wir-Gefühl einer Familie in jedem einzelnen Familienmitglied verstärken.

·         Unterstützen sie Hobbys, die ihre Kinder miteinander teilen und gerne zusammen unternehmen.

·         Vermeiden sie Zwillingskonstellationen. Wenn sie Kinder adoptieren, die fast gleich alt, aber leiblich nicht verwandt sind, lässt es sich nicht vermeiden, dass die beiden von Gleichaltrigen, Lehrern und Betreuern miteinander verglichen werden. Rivalitäten und Schwierigkeiten bei der Entwicklung eines passenden Selbstbildes sind dann häufiger.

·         Anerkennen sie die negativen Gefühle ihrer Kinder untereinander und helfen sie ihnen, diese auszudrücken und durchzuspielen. Erlauben sie ihren Kindern aber niemals, einander oder sich selbst körperlich weh zu tun.

„Leibliche“ und „adoptierte“ Kinder

Eltern, die bereits ein oder mehrere leibliche Kinder haben, haben Studien zu Folge mit einem etwas erhöhteren Risiko bei der Entwicklung ihres Adoptivkindes zu rechnen. Hierfür gibt es verschiedene Erklärungen wie etwa einen erhöhten Erwartungsdruck von Seiten der Eltern, die das Sozial- und Leistungsverhalten des leiblichen Kindes als Maßstab für das Adoptivkind heranziehen. Doch auch ohne diesen Erwartungsdruck besteht die Gefahr, dass das adoptierte Kind sich womöglich erfolglos bemüht, das Leistungsniveau seiner Geschwister zu erreichen und dann umso enttäuschter ist, wenn dies nicht gelingt (vergleiche Gesine Lange, a.a.O., S.90).

Fallbeispiel:

Irmela Wiemann beschreibt in ihrem „Ratgeber Adoptiveltern“ den Fall von Max und Jenny: Kurz nachdem Max als Baby adoptiert worden war, wurde die Adoptivmutter schwanger und bekam Jenny. Von Anfang an vertrugen sich die beiden Kinder nicht, bissen und schlugen sich und selbst in harmonischeren Phasen kam es laufend zu Eskalationen. Irmela Wiemann erklärt: „Gibt es in der Familie ein adoptiertes und ein leibliches Kind, so fühlen sich die angenommenen Kinder oft als Kind zweiter Klasse, als Außenseiter. Die restliche Familie wird als Einheit erlebt. Rivalitäten vom angenommenen zum leiblichen Kind sind in dieser Konstellation vorprogrammiert. (...) Adoptiveltern sind oft verzweifelt und wollen dem Kind beweisen, dass sie es genauso lieb haben wie das leibliche Kind. Doch damit haben sie wenig Erfolg. Adoptiveltern helfen dem Kind eher, wenn es ihnen gelingt, das Gefühl des Kindes, anders zu sein, ernst zu nehmen und dem Kind zuzugestehen: „Ja du bist in einer anderen Situation als Jenny. Das können wir nicht ändern. Wir können dir nur helfen, dich begleiten, mit deiner ungleich schwereren Situation leben zu lernen. Und wir verstehen auch, dass du oft wütend bist auf Jenny.“
Adoptivkinder mit einem leiblichen Geschwisterkind brauchen Ermutigung, Lob und Wertschätzung für Selbstverständliches. Sie müssen immer wieder neu erfahren, dass sie trotz ihres anderen Status und trotz ihrer anderen Herkunft einzigartige und wertvolle Menschen sind.“
(Irmela Wiemann, Ratgeber Adoptiveltern. Erfahrungen, Hilfen, Perspektiven, Hamburg 2001 (4), S. 150f.)

Das soll aber nicht bedeuten, dass an Familien mit leiblichen Kindern grundsätzlich keine Adoptivkinder vermittelt werden sollten oder dass Familien, die nach der Adoption noch ein leibliches Baby erwarten, nun in Selbstzweifeln versinken müssen. Die Eltern sollten sich der entstehenden Problematik allerdings bewusst sein und die Realitäten nicht verdrängen wollen, denn damit würden sie ihre Kinder noch mehr beunruhigen. Stattdessen ist es sinnvoll, den wichtigen Unterschied in der Herkunft auch anzuerkennen oder – wenn möglich – sogar ein zweites Adoptivkind aufzunehmen. Allen Studien zufolge kann dies eine starke Unterstützung innerhalb der Familie bieten, sodass sich das Selbstkonzept von Adoptierten mit adoptierten Geschwistern entscheidend besser entwickelt, als bei Adoptierten ohne solche Identifikationspersonen in der Familie.

Fallbeispiel:

Beth Hall, selbst leibliche Tochter mit einer adoptierten Schwester berichtet: Meine Eltern erzählten uns gerne die Geschichte, in der sie beschrieben, wie Kinder in eine Familie kommen können: durch Geburt oder durch Adoption. Am Ende brach immer ich in Tränen aus, weil die Adoptionsgeschichte sich so gut anhörte. Wenig später bemerkten wir, dass alles nicht so einfach war. Mit acht Jahren hörte ich zum ersten Mal von einem anderen Kind, dass etwas mit meiner Schwester Barbara nicht stimmen könnte, weil sie ja adoptiert war. Ich erinnere mich an meine Empörung und meinen Zorn und dass ich niemals wieder mit diesem Kind befreundet sein wollte. Im Inneren fragte ich mich aber, ob das Kind vielleicht die Wahrheit gesagt hatte…
Als meine damals sieben Jahre alte Schwester eines Tages meine Puppe kaputt gemacht hatte und nun auch behauptete, die Puppe wäre ohnehin blöd gewesen, war ich zornig wie nie zuvor. Ich war damals elf Jahre alt und platzte heraus: „Du bist ohnehin nicht meine echte Schwester und du gehörst nicht in unsere Familie!“ Noch jetzt fühle ich mich für diese Rache schuldig. Das Schlimmste daran war, dass ich selbst an den Fundamenten unserer Familie gerüttelt hatte und mich deshalb sehr unsicher fühlte.
Ich verbrachte einen guten Teil meines Lebens mit dem Gefühl, meine Schwester gegenüber allen möglichen Fragen und Vorurteilen zu verteidigen. In unserer Familie war Adoption etwas völlig Normales und auch drei unserer Cousins waren adoptiert worden. Mein Problem war trotzdem, dass ich mich niemals traute, die geheimen Fragen und Zweifel auch auszusprechen, die ich aus meiner Umgebung hörte. (...)
Wenn Eltern sagen, dass es keinen Unterschied macht, ob ein Kind adoptiert ist und das andere nicht, schrecke ich immer zurück. Wir Adoptivfamilien sind in der Minderheit und haben spezielle Stärken, wenn wir ehrlich mit uns sind. Gemischte Familien können funktionieren, aber wie alle funktionierenden Familien braucht es Ehrlichkeit. Wenn unsere Eltern versucht haben, Barbara und mich zu Gleichheit zu formen, waren wir immer unsicher, ob wir dazu auch imstande sind. Wenn sie uns aber unsere Unterschiede und Eigenheiten ließen, konnten Barbara und ich uns gewiss sein, das wir eine Familie hatten, die uns 100 % so unterstützte wie wir waren.
Erst viel später im Leben habe ich mich meinen Ängsten von damals gestellt und auch eine Antwort für mich gefunden: Barbara und ich sind nicht auf die Art verbunden, wie andere Geschwister es sind. Wir können die besten Freunde und die schlimmsten Feinde sein. Wir waren füreinander da und haben einander auch hängen lassen. Wir ähneln uns in manchen Dingen und könnten doch in anderen nicht unterschiedlicher sein. Meine Schwester und ich sind das, was wir immer waren: Schwestern.
(vergleiche Steinberg/Hall, a.a.O., S.157f.)

Geschwister gemeinsam aufnehmen?
Es gibt aber auch jene Kinder, die als leibliche Geschwister geboren wurden und bereits einen Teil ihres Lebens gemeinsam verbracht haben, ehe sie zur Adoption freigegeben werden, weil die leibliche Familie nicht mehr für sie sorgen kann. In diesen Fällen werden zumeist Familien gesucht, die bereit sind, alle oder zumindest zwei oder drei Geschwisterkinder bei sich aufzunehmen.
Dies ist umso verständlicher, als die Beziehung zwischen Geschwistern nicht nur die zeitlich längste im Leben eines Menschen ist, sondern Geschwister einander in außergewöhnlichen Lebensumständen oft besonders nötig haben. René Hoksbergen gibt in seinem Artikel „Geschwisterfolgen bei Adoptions- und Pflegekindervermittlungen“ das Beispiel eines Geschwisterpaares, bei dem das der Fall war. Das ältere Mädchen mit ungefähr 6 Jahren bekam von den Eltern schon früh die Aufgabe übertragen, für das jüngere Kind zu sorgen, sodass sie Verantwortungen zu übernehmen gelernt hat, die für ihre Altersklasse unüblich sind.

Mutter-Kind-Rollen zwischen Geschwistern
Wenn Adoptiveltern nun Geschwister in einer solchen Konstellation aufnehmen, sind für die nächsten Jahre Schwierigkeiten zu erwarten. Die Bindung zwischen den Geschwistern wird sehr stark sein, da das jüngere Kind bisher fast völlig von seiner Schwester (oder seinem Bruder) abhängig war: er oder sie hatte es gefüttert, ins Bett gebracht, getröstet und vieles mehr. Das heißt, die Schwester (der Bruder) ist erste Ansprechperson im Leben des jüngeren Kindes.
Diese Mutter-Kind-Rollen können die Geschwister nicht so einfach aufgeben, auch wenn sie neue Eltern haben. Adoptiveltern müssen daher auf eine solche Konstellation gut vorbereitet werden, um die Situation richtig einschätzen zu können und sich entsprechend zu verhalten. Hoksbergen empfiehlt: „Ab dem ersten Moment müssen die Eltern anerkennen und realisieren, dass ihre zwei (und vielleicht noch mehr) Kinder sehr verschieden sind von anderen Geschwistern. Falsche elterliche Erwartungen können zu einer völlig verkehrten Vorgehensweise den Kindern gegenüber führen. Es ist beispielsweise verkehrt, das ältere Kind sofort aus seiner versorgenden Rolle zu entlasten. Man soll bedenken, dass die Veränderungen durch die Platzierung in eine Adoptivfamilie für alle Kinder sehr groß sind. Jedoch für das ältere Kind höchstwahrscheinlich am größten.
Dieses Kind muß nämlich seine wichtigen Verantwortlichkeiten in völlig geänderten Umständen erfüllen. Die neuen Eltern kümmern sich jetzt auch um das jüngere Kind und tun dies vielleicht in einer Weise, die das ältere Kind nicht gewöhnt ist. Diese Situation macht es sehr unsicher.“ (René Hoksbergen, Geschwisterfolge bei Adoptions- und Pflegekindervermittlungen. In: Werner Böcker, Volker Krolzik (Hrsg.): Adoptionen in der einen Welt. Hilfen zur Integration fremdländischer Kinder in Westeuropa, Idstein 2002 (5), S.71f.)

Und auch das ältere Kind wird anders behandelt: das erste Mal in seinem Leben darf es sich altersgemäß verhalten. Mit der Zeit wird es dabei bemerken, dass es viele Erfahrungen nicht machen konnte, die für Kinder seines Alters ganz normal sind. Darüber wird es tief in seinem Inneren wahrscheinlich eine starke Wut entwickeln, die zu Depressionen führen kann, wenn das Kind sich nicht gestattet, dieser Wut auch Luft zu machen.
Gleichzeitig fürchtet es, die eben erst gewonnene Liebe seiner neuen Eltern zu verlieren, wenn es seine Wut offen zeigt, die es selbst nicht genau zuordnen kann und die außerdem nichts mit den neuen Eltern zu tun hat.
Das jüngere Kind hat ein vergleichsweise leichteres Los gezogen. Durch das ältere Geschwister hat es gelernt, sich an Menschen zu hängen, sodass es nach anfänglicher Verwirrung auch eine Bindung zu den Adoptiveltern aufbauen wird. Eine normale und altersgemäße Entwicklung ist zu erwarten, während die Anpassung des älteren Kindes wesentlich länger dauern kann.

Die innige Verflochtenheit ist den Kindern trotz aller Schwierigkeiten aber auch eine große Hilfe. Sie kann in extremen Situationen einen starken Schutz gegen Gefühle von Angst, Isolation oder Einsamkeit bieten. Erst in der Phase der Pubertät kann sie möglicher Weise zu Schwierigkeiten führen, wenn das älteste Kind die geschwisterliche Verbindung als beengend zu erleben beginnt und nach mehr Freiheit strebt.

 

Keine Trennung
Die Kinder zu trennen, wenn sie neue Adoptiv- oder Pflegeeltern bekommen, trägt hingegen zu der ohnehin schon starken Belastung bei, die durch den Verlust der Eltern entstanden ist. Wenn darauf eine weitere Trennung von den Geschwistern erfolgt, müssen die Kinder nochmals Trauerarbeit leisten, wobei die Geschwister-Trennung noch traumatischer sein kann. Vor allem wenn die Geschwister von den Eltern vernachlässigt wurden, ist ihre Beziehung untereinander sehr wahrscheinlich stärker, als die zu den Eltern. Deswegen wird vielfach empfohlen, Geschwister wenn möglich nicht zu trennen.