3. Familien über ethnische Grenzen

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Adoptieren heißt, einen "etwas anderen" Weg der Familiengründung gewählt zu haben. Im Fall von Familien, die über ethnische Grenzen entstanden sind, wird das auch optisch deutlich.

 

Theoretisch hat man sich vielleicht gut darauf vorbereitet, aber in der Praxis wird so manchen Adoptiveltern erst nach der Adoption klar, was das eigentlich bedeutet.

Auffallen

Wie alle Eltern mit fremdländischen Babys und Kleinkindern bald bemerken, erregen diese oft besondere Aufmerksamkeit. Sie werden mit großem Interesse und ebensolcher Neugier gemustert, immer wieder angesprochen und als besonders „süß“ empfunden. Nicht selten geraten sie in eine „Starrolle“, die durch den Stolz ihrer Adoptiveltern noch unterstützt wird. Dieses Phänomen, manchmal auch „positiver Rassismus“ genannt, wird aber auch als störend und übergriffig empfunden. Ständig im Mittelpunkt des Interesses zu stehen, ist im Alltag oft eine Herausforderung, die Eltern wie Kinder belasten kann. Nicht selten hört man Adoptiveltern seufzen, wie schön es manchmal wäre, unauffällig zu sein.

Wichtig ist hier, sich nicht vereinnahmen zu lassen. Adoptivfamilien sind niemandem eine Erklärung schuldig, nur weil Eltern und Kind eine andere Hautfarbe haben. Allzu intime Fragen kann man mit dem Hinweis auf die eigene Privatsphäre zurückweisen. Es ist aber auch in Ordnung, zu erzählen, woher das Kind kommt und dass die Familie eine Adoptivfamilie ist. Der Hauptaugenmerk sollte dabei auf dem Wohl des Kindes liegen: Genießt es die Aufmerksamkeit? Reagiert es beschämt, verstört oder ärgerlich? Jede Familie muss hier ihren eigenen Weg finden, mit dem alle Mitglieder sich wohlfühlen können.

 

Alter und Diskriminierung


Säuglinge und Kleinkinder rufen in der Mehrzahl positive Reaktionen hervor – von Entzücken („süß“) bis zur Bewunderung („für den Mut der Eltern“) reichen die Kommentare Außenstehender. Unverständnis und Ablehnung kommen zwar vor, sind aber eher die Ausnahme.

Mit zunehmendem Alter verändern sich die Reaktionsmuster der Umwelt, wenn aus dem süßen Kleinkind ein älteres Kind oder Teenager wird.

Dann werden die Kinder kritischer gesehen und müssen in der Schule eventuell mit Hänseleien und Diskriminierung rechnen, wobei diese umso größer zu sein scheint, je dunkler die Hautfarbe des Kindes ist (vergl. Gesine Lange, Auslandsadoption. Wissenswertes zu einem aktuellen Thema, Idstein 2000, S. 117). Die meisten Kinder wissen sich in solchen Fällen adäquat zur Wehr zu setzen und antworten entsprechend, wenn sie als „Schlitzauge“ oder „Neger“ beschimpft werden; der Weg dorthin kann aber steinig sein und manchem adoptierten Kind zu Herzen gehen. Dann liegt es an den Eltern, ihr Kind zu unterstützen. In der Pubertät spielt dann zusätzlich die Identitätsfindung eine große Rolle.

 

Ethnokulturelle Identität

Mit dem Herkunftsland verliert das Kind eine Gesellschaft, in der es sich optisch nicht von der Mehrheit der Bevölkerung unterscheidet. Es ist aus wie sie: asiatisch, afrikanisch, afroamerikanisch, indigen, indisch... Hier hingegen gehört es zwar ethnisch einer Minderheit an, wird aber wie die Mehrheit großgezogen – von weißen Eltern. Fremdländisch adoptierte Kinder haben daher in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zusätzliche Aufgaben zu bewältigen: sie müssen ihr fremdländisches Aussehen und ihre ethnokulturelle Herkunft in ihre Persönlichkeit integrieren.

In ihrem Buch „Inside Transracial Adoption“ beschreiben Gail Steinberg und Beth Hall auf der Basis ihrer Erfahrungen mit den eigenen adoptierten Kindern die Herausforderungen, die sich untypischen Familien über die Jahre stellen. Als Mütter von zum Teil schon erwachsenen Adoptivkindern, die bereits eigene Kinder (geboren) haben, greifen sie auf das Wissen vieler Jahre und zweier Generationen zurück: ihre eigene Geschichte als interkulturelle Adoptivfamilie und die Geschichte der Familiengründung ihrer Kinder, die als afroamerikanische, lateinamerikanische und asiatische Kinder weißer Eltern in den USA aufgewachsen sind. Einige der nun folgenden Überlegungen sind durchaus auch für europäische Adoptivfamilien von Interesse.


Steinberg/Hall empfehlen Adoptivwerbern, die sich für eine ethnienübergreifende Adoption interessieren, sich mit einer Reihe von Fragen nach ihrer persönlichen Eignung auseinander zu setzen. Ihrer Meinung nach sind manche Menschen besser für diese Form der Adoption geeignet als andere.

·     Aus einer anderen Ethnie zu adoptieren bedeutet, dass die Familie nun öffentlich wird. Der Unterschied zu anderen Familien ist so offensichtlich, dass diese Familien häufiger angesprochen werden und beizeiten mit sehr persönlichen Fragen zu rechnen haben. Menschen, die gerne aus der Masse herausstechen, werden in dieser Familienkonstellation Tag für Tag Gelegenheit dazu bekommen und können diese ihre Besonderheit als internationale Familie deutlich zum Ausdruck bringen.

·     Weiße Eltern können ihrem Kind nur bedingt ein Gefühl für seine kulturelle oder ethnische Herkunft vermitteln. Sie benötigen dafür Unterstützung aus der Geburtskultur ihres Kindes. Die sie umso leichter gewinnen werden, je offener sie auf Menschen zugehen, je lieber sie sich mit fremden Kulturen, anderen Verhaltens- und Wertvorstellungen und anderen Lebewesen auseinander setzen.

·     Als "transracial" Familie werden sie laufend und noch öfter als andere Eltern mit Anforderungen konfrontiert, mit denen sie nicht gerechnet hätten. Je mehr internationale Adoptiveltern Komplexität lieben, je angenehmer es für sie ist, neue Denkrichtungen einzuschlagen und je mehr sie diese Herausforderungen als stimulierend erfahren, umso leichter werden sie sich als internationale Familie tun.


Offene Augen - auch für Unangenehmes


Neben den Hänseleien unter Schulkameraden, treffen Kinder aber oft auch früh auf Formen von institutionalisiertem Rassismus, der ihnen in Kinderbüchern, im Unterricht, in anderen Familien, auf der Straße und natürlich in den Medien begegnet.
Ihr andersartiges Aussehen kann dazu führen, dass sie von ihrer Umwelt verstärkt wahrgenommen werden und „kleine Fehler oder zufällige Fehlleistungen als ein direkter Ausdruck der Andersartigkeit interpretiert“ werden (vergleiche Lange, a.a.O., S.118), die bei Kindern österreichischer Abstammung völlig anders bewertet worden wären. Die „einstigen Stars“ laufen dann Gefahr, eine Außenseiterrolle einzunehmen, sich zu verkriechen, um prekäre Situationen zu vermeiden oder aber ihr Äußeres durch besondere Leistungen wieder gutmachen zu wollen.

Steinberg/Hall beschreiben die Geschichte der kleinen Tasha, die eines Tages sehr bedrückt aus dem Kindergarten zurück kam. Ihre Mutter erfuhr, dass die geliebte Kindergartentante den Kindern heute ein Buch vorgelesen hatte, das „Zilla Sasparilla und das Schlammbaby“ hieß. Alle hatten daraufhin Tasha als „Schlammbaby“ bezeichnet und sie gehänselt. Das Baby im Buch wurde letztlich mit Milch gesäubert und ein Bub im Kindergarten wollte Tasha auch mit Milch übergießen, um zu sehen, ob sie dann „sauber“ wird.
Die Mutter entschloss sich, das Buch auf der Stelle auszuleihen und gemeinsam mit Tasha nochmals genau zu lesen. Bevor sie begannen, erzählte die Mutter, dass manche Menschen an Dinge glaubten, nur weil sie noch nie etwas anderes gesehen hatten. Ähnlich war es Tasha bei ihrem ersten Zoobesuch gegangen als sie noch sicher war, dass es auf der Welt nur Hunde und Katzen gebe. „So ist es auch mit manchen weißen Menschen“, erklärte die Mutter. „Nur weil sie niemanden kennen der nicht weiß ist, glauben sie, dass es auf der Welt nur Weiße gibt und dass mit allen anderen etwas nicht stimmt. Das ist gar nicht in Ordnung und wir nennen es „Rassismus“. Wenn wir das Buch jetzt lesen, können wir überlegen ob wir Rassismus darin finden und was wir dagegen unternehmen können.“ Tasha las nun besonders interessiert und fand auch einige Dinge: das „Schlammbaby“ wurde von einer Frau aus dem „bösen Fluss“ gezogen, die es als ihr eigenes aufziehen wollte. Das Baby wurde aber erst als Mensch akzeptiert, als es in Milch gewaschen worden war und einen Namen erhalten hatte. Danach wurde es nie mehr „Schlammbaby“ genannt.
Nach dem Gespräch mit der Mutter schämte sich Tasha nicht mehr. Am nächsten Tag wollte sie ganz allein ihrer Kindergartentante und den anderen Kindern über Rassismus erzählen. Mit Hilfe der Mutter wollte sie außerdem der Kinderbuchautorin einen Brief schreiben, ihr erzählen was Kinder anderer Ethnien bei ihrem Buch empfinden und ihr nahe legen, dies beim nächsten Buch besser zu berücksichtigen...
(Steinberg/Hall, a.a.O., S.90f.)

Die Mutter hatte Tasha damit eine Möglichkeit gegeben, Rassismen zu erkennen und sich nicht selbst schlecht zu fühlen, wenn ihr diese begegnen. Ihr wurde klar, dass das Problem bei den „Tätern“ und nicht bei den „Opfern“ liegt.

Mit Diskriminierung umgehen lernen

Kritiker von ethnienübergreifenden Adoptionen meinen, dass Eltern die niemals von Rassismus betroffen waren, diesen nicht verstehen können. Daher könnten sie ihren Kindern auch nicht die nötigen Werkzeuge mitgeben, mit unvermeidlichen negativen Erfahrungen zurecht zu kommen. Und tatsächlich sind manche Eltern versucht, ihre Kinder vor möglichen unangenehmen Begegnungen zu bewahren und in einen goldenen Käfig zu stellen. Steinberg/Hall empfehlen stattdessen, die Kinder darin zu schulen, Rassismus (und andere Formen der Diskriminierung) zur Sprache zu bringen. So können persönliche Kränkungen, die ein Kind erfährt, aufgearbeitet werden und es ist unwahrscheinlicher, dass sie sich als Teil eines negativen Selbstbildes niederschlagen. Außerdem geben die beiden Autorinnen folgende Empfehlungen:

·     Seien Sie Ihrem Kind immer ein echter Verbündeter.

·     Erwerben Sie Schlagfertigkeit. Machen Sie mit der ganzen Familie eine Liste von Dingen, die Ihr Kind sagen oder tun kann, wenn es rassistische Bemerkungen oder Situationen erlebt. Mögliche Antworten auf unliebsame Fragen und Bemerkungen sind Gegenfragen („Wie meinen Sie das?“, „Warum fragen Sie?“), Widerspruch („Ich glaube, Sie haben Unrecht. Man sollte alle Menschen so behandeln, wie man selbst behandelt werden will“) oder mutiges Gegenübertreten („Ich kann das nicht leiden. Hören Sie auf damit“). Auch Scherze eignen sich manchmal gut als Antwort („Spricht das Kind deutsch?“ – „Ja 60 Worte pro Minute“). Eine weitere Möglichkeit besteht darin, ein Familienwort einzuführen, das alle Mitglieder benutzen können, um sich aus einer unangenehmen Situation zu entfernen („Ich muss mich jetzt leider entschuldigen, aber ich fürchte, ich bekomme einen *Smirgel*. Auf Wiedersehen“).

·     Die meisten Menschen finden nur selten die passende Antwort auf rassistische Bemerkungen und es fällt ihnen oft erst viel später ein, wie sie hätten reagieren können. Das ist allzu menschlich. In diesem Fall könnten Sie folgendes zu ihrem Kind sagen: „Puhh. Kannst du glauben, dass jemand so etwas sagt? Mir ist der Mund offen geblieben und ich hatte keine Ahnung, wie ich darauf reagieren soll.“

·     Glauben Sie nicht, Ihr Kind bemerkt oder hört etwas nicht, das in seiner Gegenwart gesagt wurde. Nicht darüber zu sprechen bedeutet, dass Sie die Bemerkung verzeihen oder akzeptieren. Sie können die Dinge ebenso ansprechen wie oben.

·     Machen Sie ein Spiel daraus und formulieren Sie, was Sie am besten geantwortet hätten. So helfen Sie Ihrem Kind, mit erlebtem Rassismus nach außen zu gehen und die negativen Erfahrungen nicht für sich zu behalten.

·     Verleugnen oder negieren Sie nichts, was Ihr Kind als Rassismus erlebt. Fragen Sie ruhig, was passiert ist und wie ihr Kind sich dabei fühlt, wie es reagiert hat, was es sonst noch hätte unternehmen können und ob andere Antworten mehr oder weniger erfolgreich gewesen sein könnten. Fragen Sie nach anderen möglichen Lösungen, wenn so etwas nochmals passiert und fragen Sie, ob Sie persönlich etwas für das Kind unternehmen sollen. In manchen Fällen wird es sich allein zu helfen wissen, in anderen Ihre Unterstützung benötigen.

·     Machen Sie sich immer klar, dass nicht Sie und Ihr Kind sich schämen müssen, sondern das Verhalten der anderen bedauernswert ist!

·     (vergl. Steinberg/Hall, a.a.O., S. 87f. und S.250)

Darüber hinaus ist es sinnvoll, das richtige Maß zu finden. Nicht jede Bemerkung ist es wert, eine Diskussion anzuzetteln. Das Gleiche gilt für den richtigen Moment. Es wird Tage geben, an denen Ihnen nach Konfrontation ist, und Tage, an denen Sie mit einer knappen Bemerkung Ihrem Unmut Ausdruck verleihen. Die ist auch eine Frage des Alltags und der Tagesverfassung. Manche Adoptionsmütter vergleichen das Diskriminiert-werden ihrer Kinder mit dem Diskriminiert-werden von Frauen. Wenngleich es sich um völlig verschiedene Themen handelt, gibt es Parallelen, die helfen, das Problem und seine Ausmaße besser zu verstehen.


Auseinandersetzung mit dem Herkunftsland

Als „Schutzschild“ gegen Diskriminierungen scheint auch ein gewisser ethnischer Stolz von besonderer Bedeutung zu sein. Diesen können Eltern ihren Kindern durch die Beschäftigung mit dem Herkunftsland mitgeben. Die Frage ist, wie tief diese Beschäftigung gehen kann und soll? Im Allgemeinen ist es üblich, die kulturelle, gesellschaftliche und politische Lage im Herkunftsland zu verfolgen, sich über Geschichte und Geographie zu informieren und zu versuchen, persönliche Brücken in das Land zu schlagen. Das kann das Erlernen eines speziellen, landestypischen Musikinstrumentes sein oder das Besuchen eines kulturellen Festivals. Eine andere Möglichkeit ist die Übernahme einer Patenschaft für ein Kind im Herkunftsland oder ein Engagement im Rahmen von Hilfsprojekten.

Außerdem wird empfohlen, das Geburtsland spätestens im Jugend- oder jungen Erwachsenenalter zu bereisen und biographisch relevante Orte aufzusuchen. Doch auch zu Hause sind Kontakte zu Personen aus dem Kulturkreis des Kindes von großer Bedeutung. Wenn sie regelmäßig stattfinden, können sie dem Kind helfen, seine Herkunftssprache weiter zu pflegen und kulturelle Werte zu erlernen, die sich in vielen Fällen von denen der Adoptiveltern unterscheiden werden. Das wird es den Adoptierten leichter machen, sich in ihrer Geburtskultur zurechtzufinden, wenn sie das einmal möchten.


Identitätsfindung

In der Regel beziehen fremdländisch Adoptierte einen Teil ihrer Identität auf das Herkunftsland und einen Teil auf ihr neues Heimatland. Dabei sind sehr unterschiedliche Mischungsverhältnisse möglich, die sich auch mit der Zeit verschieben können. Dies belegen Forschungsergebnisse zur kulturellen Identität adoptierter Jugendlicher. Sie identifizieren sich vor allem in jungen Jahren vorrangig mit dem Aufnahmeland und mit zunehmenden Alter ansteigend mit ihrem Herkunftsland: „Von den von Kühl befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen fühlten sich 66% „sehr“ und 28% „etwas“ als Deutsche, 16% „sehr“ und 32% „etwas“ als Vietnamesen, Koreaner oder Südamerikaner (1990, S.119). 20% erlebten sich „gar nicht“ als Angehörige ihres Herkunftslandes, aber nur 3% fühlten sich „gar nicht“ als Deutsche. Kühl kommt zu dem Schluss, dass die ethnokulturelle Identität als bipolares Kontinuum vorstellbar ist, dessen hypothetische Pole durch die Aussagen „Ich bin ganz und gar Deutscher“ einerseits und „Ich bin ganz und gar Koreaner“ andererseits zu kennzeichnen sind“ (vergleiche Lange, a.a.O., S. 121).
Am leichtesten fällt der Brückenschlag zwischen den beiden Heimatländern Kindern, die bei ihrer Adoption nicht mehr ganz klein waren und kurz vor oder nach dem Schuleintritt in die Adoptivfamilie kamen. Auf Grund der vorhandenen Erinnerungen an die „erste Heimat“, können sie ihre Geschichte und ihren Status besser akzeptieren als jüngere Kinder (vergl. Lange, ebd.).
Fremdländische Jugendliche stehen also vor der Entwicklungsaufgabe, Elemente der Kulturen beider Elternpaare in der eigenen Person zu verknüpfen.

Peter Savasta, der 1976 aus Korea in die USA adoptiert wurde erzählt, wie er diese Herausforderung erlebt hat. Er beschreibt seinen Weg als „koreanischer italo-amerikanischer Adoptierter“ mit dem Bild eines Pendels, das einmal zur Identifikation mit den italo-amerikanischen Wurzeln mit denen er aufgewachsen ist und dann wieder mit seiner koreanischen Geburtskultur führte.

Im Volksschulalter hatte sich Peter erstmals mit rassistischen Äußerungen und dem Unverständnis seiner Mitschüler auseinander zu setzen, wie Eltern „echte Eltern“ sein können, wenn sie doch anders aussehen. Dennoch fand er sein „Anderssein“ bis zur Pubertät eigentlich „cool“. Im Alter von 13 Jahren setzte dann eine Identitätskrise ein. Peter begann, sich von seiner leiblichen Mutter im Stich gelassen zu fühlen. Es half ihm sehr, eine andere abgebende Mutter kennen zu lernen, deren Sohn im selben Alter wie Peter war. Ihre starken Probleme mit Trennung, Schuld und Schmerz brachten ihm ein neues Bild von seiner eigenen leiblichen Mutter. Dennoch wurde er lange Zeit das Gefühl nicht los, dass seine Mutter ihn aufgegeben hatte, weil etwas nicht mit ihm in Ordnung war. In all den Jahren erlebte sich Peter vorrangig als Amerikaner. In der Schule und bei seinen vorrangig jüdischen Freunden fühlte er sich „wie er selbst“. Nur der Blick in den Spiegel erinnerte ihn zu seiner Überraschung immer wieder daran, dass er Asiat war.
In den späten Teenagerjahren schlug das Pendel in die andere Richtung um. Er begann, Anschläge auf Asiaten in den Medien zu verfolgen und erkannte, dass Außenstehende immer als ersten Eindruck seine asiatische Herkunft wahrnehmen würden. Von nun an setzte sich Peter mit Korea auseinander. Er ging ins College in New York und wurde Mitglied der dortigen koreanisch-amerikanischen Gemeinde. In diese Zeit fielen auch seine ersten Erfahrungen mit offenem Rassismus, als seine Projekte an der Uni zerstört und persönliche Dinge gestohlen wurden. In der koreanisch-amerikanischen Kirche lernte er mehr über seine Geburtskultur und entfernte sich von der seiner Adoptiveltern. Eine Weile trug er seinen koreanischen Namen wieder, bemerkte aber nach der Anfangseuphorie, dass er sich damit nicht wohl fühlte. Die Adoption war ebenfalls Teil seiner Identität und damit auch der Name, den ihm die Adoptiveltern gegeben hatten. Das Pendel schwang erneut um. Lange Zeit hatte Peter versucht, die Pendelschläge seinen Adoptiveltern nicht zu zeigen und hatte sich stattdessen von ihnen distanziert. Inzwischen ist das Pendel zur Ruhe gekommen, wie er sagt.
Auf die Frage, wie viel kulturellen Hintergrund Eltern ihren Adoptivkindern vermitteln sollen, antwortet er: „Bis die Kinder ihn verweigern. Für Kinder ist es toll an kulturellen Veranstaltungen teilzunehmen, aber was sie wirklich wollen, ist spielen. Sie wollen dazugehören. Deswegen ist es wichtig, ihnen ihren Hintergrund verfügbar zu machen, sie aber nicht hinein zu drängen...
Ich selbst musste erwachsen werden, um von der koreanischen Kultur die Aspekte zu übernehmen, die mir wichtig sind. Was zählt ist, dass ICH sie besitze. Wenn meine Eltern koreanisch gelernt hätten, hätte sich das wohl nicht authentisch angefühlt...“
(vergleiche Gail Kinn: Be My Baby. Parents and Children Talk About Adoption, New York 2000, S. 96)

Peters Savastas Geschichte macht deutlich, was auch die Forschung besagt: die Adoleszenz ist für international Adoptierte oft eine Zeit mit vielen Herausforderungen. Zunehmend fähig über die eigene Geschichte nachzudenken und interessiert an der Herkunft, suchen Jugendliche ihren ganz persönlichen Platz in der Gesellschaft und sind dabei einigen Identitätsverunsicherungen ausgesetzt. „Für sie gibt es keine gesellschaftlich vorgegebenen Lösungsmuster, sie haben keine festen Leitbilder und müssen ihre Identitätsfindung stärker individuell entwickeln als einheimische Adoptierte oder gar leibliche Kinder (...) Das Verdrängen der Anteile des Herkunftslandes an der Identität kann ebenso wie die Übernahme eines ‚Ausländerstatus’ zur Beeinträchtigung der seelischen Gesundheit führen.“ (Lange, a.a.O., S.124).

Wenn Kinder aussehen wollen wie ihre Eltern


Natürlich setzen sich Kinder schon lange vor den Jugendjahren mit ihrer Ethnie auseinander und bemerken früh den Unterschied zu ihren Adoptiveltern. Vorschüler im Alter von drei oder vier Jahren wollen beispielsweise häufig so aussehen wie ihre Adoptiveltern. Das kann zwei Gründe haben:

Entweder will das Kind besser in die Familie zu passen oder es hat vermittelt bekommen, dass „weiß“ die bessere Hautfarbe ist. Wenn ersteres der Fall ist, ist es der beste Zeitpunkt, mit dem Kind über den Zusammenhalt in ihrer Familie zu sprechen. Sie können erklären, dass ihre Familie nicht deswegen eine Familie ist, weil alle dieselbe Hautfarbe teilen, sondern sie einander tief in ihrem Herzen lieben und füreinander da sind.
Im zweiten Fall können Eltern ihrem Kind erklären, wie viele wunderbare und wichtige Menschen es in allen Ethnien und im speziellen in der ihres Kindes gibt. Dabei können berühmte Persönlichkeiten ebenso genannt werden, wie Freunde der Familie (Steinberg/Hall, a.a.O., S.231).

Beide Themen – die Wertschätzung für die Herkunft des Kindes und der tiefe Familienzusammenhalt, der nicht durch Blut sondern Liebe und gegenseitige Verantwortung gebildet wurde – werden in Familien mit unterschiedlicher Hautfarbe über die Jahre wahrscheinlich noch oft zur Sprache kommen. Denn nicht zuletzt sind das auch die Stärken einer Familie, die ihren speziellen Reichtum und ihre Einzigartigkeit begründen.