2. Den Familienwechsel leichter machen

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. | Drucken |



Viele Eltern fragen sich, wie sie ihrem Kind den Übergang in die neue Familie so leicht wie möglich machen können und wie sie mit Verhaltensweisen umgehen sollen, die sie nicht zuordnen können.

 

  • Nehmen Sie wenn möglich einige Spielsachen, Kleidung oder andere Objekte, die Ihrem Kind vertraut sind in die neue Umgebung mit, wenn das Kind diese nicht ablehnt (manche Kinder ziehen es vor, nicht an ihre Vergangenheit erinnert zu werden). Dafür kommen auch Geschenke in Frage, die manche Eltern ihren zukünftigen Kindern in der Wartephase auf die Adoption senden. Möglicherweise sind die Geschenke, die Sie Ihrem Kind mitbringen, das erste private Eigentum, das Ihr Kind je besessen hat.
  • Manche Heime nehmen sich Zeit, die Kinder auf ihr neues Leben vorzubereiten. Sie tun dies unter anderem mit Hilfe von Fotos der neuen Familie, die diese während des Adoptionsprozesses übermittelt hat. Einige Familien gestalten zu diesem Zweck ein eigenes Album für das Kind.
  • In manchen Staaten ist es vorgesehen, dass die Eltern ihr Kind erst nach einer Übergangsphase mit Besuchen zu sich nehmen. Dann ist der Wechsel nicht so abrupt, auch wenn Kinder manchmal verunsichert sind, ob die neuen Eltern sie dann auch tatsächlich mitnehmen werden. In anderen Staaten ist es erlaubt, das Kind vor Abschluss der Adoption zu besuchen.
  • Gerade bei älteren Kindern macht es Sinn, Grundkenntnisse der bisherigen Muttersprache des Kindes zu erwerben. Das plötzliche Abgeschnitten-Sein von verbaler Verständigungsmöglichkeit bedeutet für die meisten Kinder eine Belastung. Auch wenn die Kinder die neue Muttersprache binnen weniger Monate erlernen, reagieren einige mit großer Verwirrung und manchmal auch mit Angst auf ihre unerwartete „Sprachlosigkeit“ und können in lange dauerndes Schweigen zurückfallen. Auch Kinder unter einem Jahr haben sich schon an ihre erste Sprache und deren typische Lautmalerei gewöhnt, sodass sie leichter auf Menschen reagieren, die sich ihnen in dieser Sprache nähern.
  • Bieten Sie Ihrem Kind nach der Ankunft einen geregelten Tagesablauf an, wo es bald Routinen erkennt, an die es sich Tag für Tag halten kann. Manche Kinder brauchen mehr Zeit, eine Bindung zu ihrer neuen Familie aufzubauen. Dann ist es sinnvoll, die vielen anstehenden Verwandten- und Freundesbesuche aufzuschieben. Setzen Sie das Kind nur bedingt „fremden Menschen“ aus, bis es seine Eltern als Hauptbezugspersonen erkannt und akzeptiert hat und sich in der neuen Umgebung sicher fühlt.
  • Kinder, die in eine neue Familie kommen, benötigen Zeit, sich zu Hause zu fühlen. Denn die Familie besteht nicht nur aus neuen Eltern und möglichen Geschwistern. Sie hat auch ihre eigenen Bräuche, Werte und Normen, die sich von dem unterschieden, was das Kind bisher gewöhnt war. Viele Kinder müssen sich erst nach und nach an das hohe Maß an Zuwendung und Liebe gewöhnen, das sie nun plötzlich erfahren. Manche tun das, indem sie anfangs überangepasst reagieren, um sich erst einmal orientieren und Sicherheit gewinnen zu können. Wenn nach einer solchen Phase plötzlich Konflikte auftreten, so ist das ein Zeichen dafür, dass das Kind sich nun sicher genug fühlt. Von da an, kann das Kind „es selbst“ sein und ausprobieren, wie sein Verhalten aufgenommen wird. Dies ist nicht als Rückschritt zu werten, sondern wesentlich für die Eingliederung in die neue Familie. Allerdings wird das Kind vorerst so reagieren, wie es das in seinem bisherigen Leben gewohnt war und kann erst durch die andersartigen, verständnisvollen Reaktionen der Eltern ein anderes Verhalten erlernen.
  • Es ist leicht möglich, dass Ihr Kind seine Selbständigkeit, die es sich in seiner Zeit im Kinderheim aneignen musste wieder aufgibt und zum ersten Mal in seinem Leben „Baby sein“ möchte. Es möchte sich nun nicht mehr selbst anziehen, möchte viel getragen und mit Liebe gebadet werden, wieder Windeln tragen… So kann es all das nachholen, was zu Beginn seines Lebens in einer nicht so optimalen Umgebung nur eingeschränkt möglich war. Betrachten Sie das nicht als Rückschritt, sondern gönnen Sie Ihrem Kind diese Zeit, in der es in der liebevollen Umgebung seiner neuen Familie nochmals zu seinem tatsächlichen Alter heranreift. Dann wird es seine Selbständigkeit erneut entdecken und freiwillig wieder aufnehmen.
  • Der Name eines Kindes ist ein wichtiger Teil seiner Persönlichkeit. Schon früh lernen Kinder, auf diesen Namen zu hören. Oft ist er das einzige, was ein Kind in seine neue Heimat mitnehmen kann, ein Bindeglied zwischen dem früheren und dem neuen Leben. Vor allem wenn der Name von den leiblichen Eltern ausgewählt wurde, bezeugen Adoptiveltern ihren Respekt, wenn sie ihrem Kind diesen Namen erhalten. Älteren Kindern helfen sie dadurch, eine weitere Verunsicherung zu vermeiden. Manche Eltern fügen aber einen ersten oder zweiten, von ihnen gewählten Vornamen hinzu, sodass das Kind von beiden Eltern(paaren) einen Vornamen erhalten hat. Sollte der fremdländische Name Ihres Kindes schwer auszusprechen sein, behelfen sich manche Adoptivfamilien auch mit Abkürzung, die bei uns leicht auszusprechen ist. Beispielsweise nutzt die oben zitierte Familie Dück-Mertins als Rufnamen für ihre koreanische Tochter Nabee den Namen „Bienchen“ (vergleiche Andrea Dück-Mertins, a.a.O.).
  • So wie in einer leiblichen Familie das neu eintreffende Baby immer das jüngste ist und ein Mindestabstand zum nachfolgenden Geschwisterkind von etwa einem Jahr biologisch gesichert ist, sollte es auch in einer Adoptivfamilie gehalten werden. Untersuchungen haben belegt, dass Adoptionen häufiger scheitern, wenn die Geschwisterfolge durcheinander gebracht wird und ein Kind beispielsweise in „Sandwichposition“ in die Familie aufgenommen wird. Wenn Eltern bereits leibliche Kinder haben, sollten sie sich bewusst machen, dass die Situation für das adoptierte Kind etwas schwieriger ist. Adoptierte Kinder können dem Sozial- und Leistungsdruck der Eltern oft weniger gut entsprechen als leibliche Kinder. Und ein Erziehungsstil, der für ein leibliches Kind gut ist, muss das nicht für ein fremdländisches Adoptivkind sein. Besonders wichtig ist es auch, einen ausreichenden Abstand zu jedem neu ankommenden Kind zu halten. Auf diese Weise bleibt ausreichend Zeit für die Eingewöhnung und den Aufbau einer starken Beziehung, ohne dass die Kinder in zu starken Wettbewerb treten müssen.

Wann ist Verhalten besorgniserregend?

Nach René Hoksbergen müssen Adoptiveltern davon ausgehen, dass ihr Kind über einen längeren Zeitraum nicht angemessene Verhaltensweisen zeigt. Als "normalen" Zeitrahmen für Auffälligkeiten nennt Hoksbergen den Richtwert von etwa einem Jahr. Bis dahin sollten Anpassungsprobleme verschwunden sein. Andernfalls muss davon ausgegangen werden, dass die Verhaltensstörungen oder psychosozialen Probleme tief in der Persönlichkeit des Adoptivkindes verwurzelt sind. Bemerkungen von Ärzten, Psychologen, Therapeuten oder anderen Professionisten, man müsse Geduld haben, bedeuten leider, dass diese Berater in Bezug auf Adoptivkinder über zu wenig Kenntnis verfügen. (vergleiche Hoksbergen, a.a.O., S. 268f.)

Allerdings ist im Fall von fremdländischen Adoptivkindern eine Diagnose noch viel schwieriger, da meist wenig über ihre Vergangenheit bekannt ist. Mögliche Ursachen des schwierigen Verhaltens können sein:

·     PTSD („posttraumatische Belastungsstörung“)

·     Bindungsstörung

·     Borderline Persönlichkeitsstörung (Instabilität in zwischenmenschlichen Beziehungen, im Selbstbild und in den Affekten sowie Impulsivität, die im frühen Erwachsenenalter beginnt)

·     Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung

·     Fetales Alkoholsyndrom (der Fetus wurde durch den Alkoholkonsum der Mutter Vergiftungen ausgesetzt). (vergleiche Hoksbergen, ebenda).
Eine genaue Diagnose ist für Eltern und Kind besonders wichtig, damit die Bezugspersonen angemessen auf die besonderen Bedürfnisse ihres Kindes reagieren können.

Auch Eltern müssen sich "eingewöhnen"

„Eingewöhnungsschwierigkeiten“ sind aber nicht nur ein Phänomen, mit dem Adoptivkinder zu kämpfen haben. Auch manche Eltern sind nicht vom ersten Augenblick in ihr Kind verliebt. Auch sie brauchen eine Zeit der Annäherung und des Vertrautmachens, ehe sie ihren neuen Sohn oder ihre neue Tochter ganz als solche annehmen können. Diese Phase ist keineswegs ungewöhnlich und sollte in den ersten gemeinsamen Stunden und Tagen niemanden beunruhigen. Auch leibliche Eltern berichten nach der Geburt ihres Kindes manchmal von einer anfänglichen Distanz und einer eher langsamen Annäherung.

Je älter das Kind, desto länger dauert diese Phase im Schnitt. Gesine Lange fasst zusammen: „Bei einem Säugling vollzieht sich diese emotionale Normalisierung meist sehr schnell. Dagegen müssen bei älteren Kindern beide Seiten die anfängliche Fremdheit überwinden. Alle Beteiligten müssen langsam in ihre Rollen hineinwachsen können.
Dieser Prozess der „emotionalen Normalisierung“ innerhalb der Familie kann dann als abgeschlossen gelten, wenn die Eltern ihr Kind gefühlsmäßig nicht mehr als Adoptivkind, sondern als Kind wahrnehmen."

Scheitern einer Adoption

Manchmal allerdings bleibt das Zusammenwachsen aus. So kommt es immer wieder vor, dass Adoptionen scheitern. Die ersten beiden Jahre des Zusammenlebens sind besonders kritisch. Wenn eine Umplatzierung notwendig wird, so ist das nach Winter-Stettin zu drei Viertel der Fälle in den ersten 24 Monaten der Fall (vergl. Gesine Lange, a.a.O., S. 87). René Hoksbergen untersuchte im speziellen diese so genannten Fehlvermittlungen, die seiner Berechnung nach 5 – 6 % der Auslandsadoptionen ausmachen. 

René Hoksbergen fasst zusammen: „Die Probleme, die in manchen Adoptivfamilien entstehen, werden teilweise auch von den großen und manchmal falschen Erwartungen verursacht, die das Ehepaar oft hat. Sie erwarten viel Freude und Glück und fast nur positive Veränderungen nach Ankunft des Kindes. Wenn das Kind dann sofort und für lange Zeit schwierige Verhaltensweisen zeigt, kann die Enttäuschung sehr groß sein. Dies gilt umso mehr, wenn das Ehepaar die Erwartung hat, dass ein bestimmtes Verhalten des Kindes zeitlich begrenzt ist und bald – nach einigen Wochen oder Monaten – wieder verschwindet. Wenn Eltern Liebe und Aufmerksamkeit geben wollen, das Kind aber fast nur Angst und Unsicherheit zeigt und auch gar nicht versteht, was diese warme Elternliebe bedeutet, wird recht viel von den Eltern gefordert. Deshalb sollten Adoptiveltern über drei Vorzüge verfügen: Geduld, Zurückhaltung und die Bereitschaft, ihre Ideen über die Erziehung von Kindern zu ändern. Und diese letzte Anforderung gilt besonders für die Eltern, die schon Kinder haben. Gerade diese Eltern können Erziehungsgedanken entwickelt haben, die nicht mit den neuen Anforderungen harmonieren, die ihr Adoptivkind stellt.“ (René A.C. Hoksbergen, Auslandsadoption. Deutsche, niederländische und andere Forschungsergebnisse; siehe Menüpunkt "Hintergründe")

Erfolgreiche Vermittlungen

Im Allgemeinen belegt die Adoptionsforschung aber, was die meisten Adoptivfamilien aus eigener Erfahrung berichten können: dass die Eingliederung des Kindes in die Familie oft besser und rascher verlaufen ist als erhofft und erwartet! Diese Einstellung kann auch als Hinweis darauf verstanden werden, dass Adoptiveltern inzwischen zum größten Teil gut vorbereitet in eine Auslandsadoption gehen. Sie haben die Wartezeit genützt, sich möglichst intensiv mit dem Thema „Internationale Adoption“ auseinander zu setzen. So haben sie Werkzeuge zur Hand, die ihnen helfen, das Verhalten ihres fremdländischen Kindes besser zu verstehen und können entsprechend damit umgehen oder sich im Bedarfsfall Hilfe holen.