1. Zusammen wachsen

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Die erste Zeit nach der Aufnahme eines Kindes ist für alle Beteiligten eine Zeit großer Veränderungen. Es dauert eine Weile, bis die neue Familie aus diesem „Ausnahmezustand“ zu einem sicheren Alltag gefunden hat.

 

 

So turbulent die Anfangsphase auch sein mag, im Zentrum steht fast immer das Glück der neuen Familie. Nach vielen Jahren des Kinderwunsches ist dieser nun endlich in Erfüllung gegangen. Die noch ausständigen Behördenwege und medizinischen Checks sind unwesentlich im Verhältnis zum bisher bewältigten Aufwand. Dieses Glücksgefühl unterscheidet sich wahrscheinlich kaum von dem leiblicher Eltern.

 

Aus Paaren sind „über Nacht“ Eltern geworden, aus Alleinstehenden Mütter oder Väter. Familien, die schon Kinder haben, stehen vor der Aufgabe, eine neue Persönlichkeit mit speziellen Eigenschaften und Bedürfnissen in ihre Gemeinschaft zu integrieren. Dass das nicht ohne Reibung passiert, gilt für alle Familien mit Zuwachs, gleichgültig ob dieser nun biologisch oder adoptiert ist.

In Adoptivfamilien ist diese Zeit des Zusammenwachsens oft auch eine Zeit, in der manche Wunden aus dem bisherigen Leben des Kindes erst heilen müssen. Es muss lernen, sich in seiner – möglicherweise ersten – Familie zu Hause zu fühlen. Gerade in der Anfangsphase kann es dabei zu großen Anforderungen an alle Beteiligten kommen: Schlafstörungen, Ablehnung eines Elternteils, Klammern, Nahrungsverweigerung oder das genaue Gegenteil - all diese Phänomene können auftreten und werden vor dem Hintergrund der bisherigen Lebensgeschichte des Kindes verständlich. Ein solches Verständnis ist sehr wichtig und hilft den neuen Eltern, über derartigen Reaktionen nicht in Panik auszubrechen.

 

Anpassungsprobleme in der neuen Umgebung


Im Allgemeinen verschwinden Krankheiten bei guter ärztlicher Versorgung bald wieder. Ebenso rasch erholen sich die Kinder von den Folgen körperlicher Vernachlässigung und sind in den meisten Fällen bald in der Lage, Entwicklungsrückstände aufzuholen. Wesentlich schwieriger sind Verhaltensauffälligkeiten in den Griff zu bekommen, vor allem, wenn Kinder im Kleinkindalter adoptiert wurden.

 

Exemplarisch kann eine Untersuchung rumänischer Adoptivkinder herangezogen werden, die zwischen 1990 und 1997 in den Niederlanden adoptiert wurden. Die Untersuchung listet nur jene Verhaltensprobleme auf, die von mehr als 10 % der Adoptiveltern genannt wurden. Nicht alle Eltern wurden vor der Platzierung auf die Schwierigkeiten hingewiesen, die wahrscheinlich auf sie zukommen werden.

Die hier angeführten Verhaltensprobleme traten unmittelbar nach der Platzierung in der Familie auf:

- Schlafstörung: 50% (Anzahl: 41)
- Essstörung: 39%  (Anzahl: 32)
- Gleichgültigkeit dem Adoptivvater gegenüber: 25%  (Anzahl: 20)
- Gleichgültigkeit der Adoptivmutter gegenüber: 14%  (Anzahl: 17)
- Den Vater anklammern: 9% (Anzahl: 11)
- Die Mutter anklammern: 23%  (Anzahl: 28)
- Aggressiv, zornig, hysterisch: 25% (Anzahl: 31)
- Selbstverstümmelung und Kopfanschlagen: 24% (Anzahl: 29)
- Hyperaktivität: 23% (Anzahl: 28)
- Semi-autistische Störungen: 9% (Anzahl: 11)
- Störungen mit der Sprache: 11% (Anzahl: 13)
- Jedermannsfreund / Distanzlosigkeit: 43% (Anzahl: 53)
- Bindungsprobleme: 24% (Anzahl: 30)
- Stereotype Bewegungsstörungen (Schaukeln) und sexualisiertes Verhalten wie Masturbation: 31% (Anzahl: 38)

(vergl. René Hoksbergen, Adoptivkinder und ihr Ringen mit ihrem familiären Hintergrund, in: Harald Paulitz (Hrsg.): Adoption. Position – Impulse – Perspektiven. München, 2000, S. 267.)

Viele dieser Verhaltensauffälligkeiten können direkt mit der plötzlichen starken Veränderung der eigenen Lebensumstände in Verbindung gebracht werden, die fast alle auslandsadoptierten Kinder durchmachen (zum Beispiel Schlafstörungen). Andere hingegen sind im speziellen bei Heimkindern zu beobachten, die bisher keine feste Bezugsperson und wenig Möglichkeit für individuelle Betreuung hatten (dazu zählen Distanzlosigkeit, Bindungsprobleme, semi-autistische Störungen) beziehungsweise bei Kindern, die existentiellen Mangel litten (zum Beispiel Essstörungen).

 

Schlafstörungen

Sehr viele Kinder leiden in der Zeit der Eingewöhnung unter Schlafstörungen. Das heißt, sie können in den ersten Wochen bis Monaten nicht alleine schlafen oder wehren sich bis zur Erschöpfung gegen das Einschlafen. Vielleicht würden sie ja erneut in einer anderen Umgebung aufwachen? Hier helfen nur Verständnis und vor allem Geduld, auch wenn es die Eltern belastet, dass ihr Kind torkelnd, schreiend oder weinend Abende lang gegen den Schlaf kämpft, keine Hilfe annehmen kann und irgendwann aus Erschöpfung einschläft.

 

Verhältnis zur Nahrung

Hinzu kommt, dass viele Kinder aus Heimen und solche, die Mangelernährung erfahren haben, ein aus unserer Sicht gestörtes Verhältnis zur Nahrung haben. Diese Kinder sind es nicht gewohnt, dass es ausreichend zu essen gibt und in der ersten Zeit oft unersättlich. Das kann so weit gehen, dass bis zum Erbrechen gegessen wird. Oder dass Kinder Essbares an allen möglichen Orten verstecken. In solchen Fällen „verdrücken“ Kleinkinder Portionen, mit denen ein durchschnittlicher Erwachsener zu kämpfen hätte. Wird das Essen in dieser Situation aber rationiert, können Kinder in nackte Panik ausbrechen! Auch Erklärungen, dass das Kind von nun an nie mehr Hunger leiden müsse, helfen wenig. Denn sie widersprechen der eigenen Erfahrung. Es ist daher sinnvoll, die Kinder selbst herausfinden zu lassen, dass von nun an die Nahrungsquelle nicht mehr versiegen wird. Bis dahin kann man an einem für das Kind zugänglichen Ort ständig gesunde Häppchen bereit halten. Obwohl relativ rasch mit einem Verständnis für die neue Nahrungssituation zu rechnen ist, gibt es auch Eltern, die Jahre nach der Ankunft ihres Kindes noch von einer bemerkenswerten „Futtergier“ berichten.

 

Eine Beziehung aufbauen

Das größte Problempotenzial für auslandsadoptierte Kinder liegt jedoch im Bereich der Beziehungen. Modellhaft kann man die erste Zeit des Kindes in der neuen Familie in drei Phasen gliedern.

 

  • Erste Phase  („phase of disorientation“):

Das Kind weiß nicht, welche Erwachsenen die Eltern sind. (Halldén, zitiert nach de Geer 1992, S. 19). Diese erste Phase dauert nur wenige Wochen und entspricht der Entwicklung in den ersten sechs Lebensmonaten eines leiblichen Kindes.

 

  • Zweite Phase („phase of differentation“):

Das Kind kann jetzt die Eltern von anderen Erwachsenen unterscheiden (ebenda). In dieser Phase hat das Kind ein starkes Bedürfnis nach (körperlicher) Nähe zu den Eltern. Auch die Kinder der befragten Adoptiveltern zeigten dieses stark anklammernde Verhalten (abgesehen von denen, die als neugeborene Säuglinge in die Familie kamen). In biologischen Familien durchlebt das Kind diese Phase im Alter zwischen sechs und zwölf Monaten.

 

  • Dritte Phase:

Was ein Kind in der biologischen Familie mit ungefähr drei Jahren erreicht, wird für das Adoptivkind nach einem halben Jahr möglich. Das Kind kann seine Umgebung erkunden mit der Sicherheit, dass die Adoptiveltern es nicht mehr verlassen. (ebenda)  (Gesine Lange, a.a.O., S. 97)

Dieses Phasenmodell sagt noch nichts über die Schwierigkeiten aus, die mit dem Aufbau von Beziehungen in der neuen Familie verbunden sein können. Da die meisten fremdländischen Kinder nicht als Säuglinge in die Adoptivfamilie kommen, hatten sie entweder schon einmal enge Beziehungen aufgebaut (zum Beispiel in einer Pflegefamilie), mussten diese aufgrund von Umplatzierungen mehrfach abbrechen oder litten wegen ständig wechselnder Pflegerinnen an einem starken Mangel in diesem Bereich. Studien belegen, dass die Anpassung für Kinder umso schwieriger wird, je älter sie bei ihrer Ankunft sind. René Hoksbergen kommt beispielsweise zu folgenden Ergebnissen:

  • Ankunftsalter 0 - 6 Monate (N=74): 24% Kinder mit Eingewöhnungsschwierigkeiten
  • Ankunftsalter 7 - 12 Monate (N=18): 67% Kinder mit Eingewöhnungsschwierigkeiten
  • Ankunftsalter 13 - 24 Monate (N=11): 73 % Kinder mit Eingewöhnungsschwierigkeiten
  • Ankunftsalter 24 Monate (N=13): 77% Kinder mit Eingewöhnungsschwierigkeiten

(vergleiche René Hoksbergen, Martin Textor (Hg.): Auslandsadoptionen: Grundlagen, Vermittlung, Nachbetreuung, Beratung. Lambertus 1993; zit. nach Gesine Lange, a.a.O.).

 

Hospitalismus

Der geringe Anteil an Anpassungsproblemen in den ersten sechs Monaten ist darauf zurück zu führen, dass Kinder sich bis zu diesem Zeitpunkt noch gerne von allen Menschen trösten und versorgen lassen, die diese Aufgabe wahrnehmen.

Ab ungefähr dem siebten Monat binden sie sich aber stark an ihre primäre Bezugsperson und können diese nicht so einfach gegen eine andere austauschen. Hinzu kommt, dass viele fremdländische Kinder nach ihrer Adoption zum ersten Mal in ihrem Leben in eine Familie kommen, in der enge persönliche Beziehungen überhaupt gepflegt werden. In Heimen mussten sie etwa die Erfahrung machen, dass sich niemand um sie kümmern konnte wenn sie schrien. Die Kinder haben erlebt, dass es ihnen nicht möglich war, aus eigener Kraft Reaktionen bei den für sie verantwortlichen Menschen hervorzurufen.

Folgen von Hospitalismus
Manche Kinder geben dann auf, denn sie haben den Eindruck, keinen Einfluss auf ihre Mitmenschen ausüben zu können. Die Kinder geraten leicht in die Rolle „hilfloser Opfer“, die keinen Zusammenhang zwischen eigenem Handeln und Wirkung ihres Handelns erkennen können (vergleiche Richard M.L. Müller-Schlotmann, Anbahnungsprobleme bei der Vermittlung von Pflegekindern. Die Folgen von emotionaler Vernachlässigung, Parentifizierung und Rollenumkehr für die Aufnahme einer Beziehung zum Kind, Kindeswohl 3/98, S.11 ff.).
Andere Kinder verlassen sich fortan ausschließlich auf sich selbst und nicht mehr auf andere. Sie bemühen sich, die fehlende Zuwendung auszugleichen und versuchen, die Aufmerksamkeit jedes beliebigen Erwachsener auf sich zu lenken. Sie klettern auch lange Zeit nach ihrer Adoption noch Unbekannten auf den Schoß, wollen mit ihnen mitgehen und sind untröstlich, wenn ihre Eltern sie wieder zu sich holen wollen („Distanzlosigkeit“). Ein solches Kind muss erst langsam lernen, zwischen wichtigen und unwichtigen, engen und oberflächlichen Beziehungen zu unterscheiden.

Anklammern und Ablehnung
Mit zunehmendem Alter reagierten die Kinder aus Hoksbergens Studie verstärkt mit „anklammerndem oder besonders schüchternem Verhalten, Angst vor Körperkontakt, Zurückweisung von einem oder beiden Elternteilen, Zerstörungswut, unverständlicher Aggressivität und Rückfall in eine frühere Lebensphase (Regression)“ (vergleiche René A.C. Hoksbergen, Auslandsadoption. Deutsche, niederländische und andere Forschungsergebnisse; siehe Menüpunkt "Hintergründe".)

Ständiges Anklammern oder Ablehnung sind Zeichen einer Beziehungsunsicherheit. Viele Kinder klammern sich lange Zeit an einen der neuen Elternteile und lassen diesem kaum Raum für eigene Aktivitäten (und sei es nur Zähneputzen oder Duschen). In anderen Familien ist das Gegenteil der Fall und das Kind lässt keinen Kontakt zu einem oder beiden Elternteilen zu. Das bedeutet nicht, dass es keinen Wunsch nach einer Beziehung zu den Eltern hat. Dieser kann jedoch durch diverse Ängste blockiert werden, wie etwa der Angst, eine Abhängigkeitsbeziehung einzugehen. Auch andere Erklärungen kommen in Frage: wenn ein Heimkind nur weibliches Pflegepersonal gewohnt war, kann sich die Beziehung zum Vater schwieriger gestalten.

Eine solche Beziehung beschreibt Andrea Dück-Mertins in ihrem Buch über die Adoption ihrer Tochter Sirintra aus Thailand. Die Dreijährige stellte sich eine ganze Weile immer schlafend, sobald der Vater in die Nähe kam. Im Gegensatz zu den anderen Familienmitgliedern ignorierte sie ihn und nahm ihn auch dann nicht zur Kenntnis, wenn er auf Fotos abgebildet war. Nach und nach passierte eine Öffnung, indem sie ihn zuerst auf den Fotos „erkannte“ („da Papa“), dann diese streichelte, sich nicht mehr schlafend stellte, wenn er in die Nähe kam und letztendlich Kontakt zu ihm suchte. Dieser lange Weg der Anpassung kostete den Vater allerdings viel Geduld. Wie alle Eltern hatte auch er gehofft, seine Tochter nicht erst nach Wochen in die Arme schließen zu können. (vergleiche Andrea Dück-Mertins, Sirintra: wunderschöner Mond. Neustadt am Rübenberge 2000, S. 57f.)