8. Abholen des Kindes

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Je nach Alter, Gesundheitszustand und Vorerfahrungen des Kindes sowie der Situation des Kennenlernens kann dieser Moment sehr unterschiedlich ausfallen.

 

Es gibt Kinder, die ihren neuen Eltern strahlend und neugierig entgegen gehen. Andere ziehen sich in sich zurück; wieder andere weinen, zeigen offene Angst oder reagieren komplett apathisch. In jedem Falls scheinen die Kinder klar zu spüren, dass in diesem Moment etwas Wesentliches passiert und ihr Leben von nun an nicht mehr so sein wird wie bisher.

Üblicherweise wird Ihnen das Kind in der jeweiligen Betreuungseinrichtung (dem Kinderheim oder der Pflegefamilie) übergeben. Manchmal wird es auch in das Hotel gebracht, in dem Sie leben, ohne dass Sie die vorherigen Lebensumstände des Kindes sehen konnten. In manchen Staaten ist es üblich, dass die Adoptiveltern die Kinder vorweg für eine vorgegebene Zeit im Kinderheim besuchen. In wieder anderen Staaten erfolgt die Übergabe ohne vorheriges Kennenlernen. Nach ein bis zwei Stunden im Kinderheim begleitet das Kind seine Eltern in eine ihm unbekannte Zukunft. Diese Form der Übergabe ist für Eltern und Kinder oftmals deutlich anspruchsvoller. Ein vorheriges Kennenlernen und die Möglichkeit, Vertrauen zu fassen, werden fast immer als bessere Basis für die ersten gemeinsamen Tage empfunden.

Informationen sammeln

Abseits der ganzen Aufregung bietet sich nun die Chance, so viel Information wie möglich über das bisherige Leben des Kindes zu sammeln. Denn wenn die Familie einmal zurück in Österreich ist, wird das ungleich schwieriger. Ebenso empfehlenswert ist es, das erste Zusammentreffen und die Zeit im Herkunftsland auf Foto und Video zu dokumentieren. Viele Adoptivkinder werden sich später sehr für die Momente des ersten Zusammenseins interessieren.

Folgender Fragenkatalog ist ein Leitfaden, mit dem Sie an die Betreuungseinrichtung oder Pflegefamilie herantreten können, in der Ihr Kind bisher gelebt hat:

Persönliche Geschichte des Kindes

  • Seit wann kennen Sie das Kind? In welchem Alter kam das Kind in Ihre Familie (bei Pflegefamilien) / in Ihr Heim (bei Kinderheimen)? Was war davor?
  • Mit wie vielen anderen Kindern hat unser Kind zusammen gelebt?
  • Wer hat dem Kind seinen Namen gegeben (leibliche Mutter, Krankenschwester, Pflegemutter, Waisenhaus, Anwalt?)
  • Hat der Name eine spezielle Bedeutung? Warum wurde gerade dieser gewählt?

Persönlichkeit des Kindes

  • Können Sie die Persönlichkeit des Kindes beschreiben?
  • Was mag es besonders? Was kann es gar nicht leiden?
  • Gibt es Dinge, vor denen es im speziellen Angst hat?
  • Verwendet es einen Schnuller, lutscht am Daumen, hat einen Lieblingsgegenstand?
  • Was beruhigt es?
  • Wie reagieren Sie, wenn es weint und Sie den Grund nicht kennen?
  • Wie beruhigen Sie es, wenn es Angst hat?

Gesundheit

  • Kam das Kind zeitgerecht/zu früh auf die Welt?
  • Welche Impfungen wurden bisher gemacht? (Impfpass)
  • Wie reagierte das Kind auf die Impfungen?
  • Welche Krankheiten hatte es bisher?
  • Wie wurden diese behandelt?
  • Was sagte und verschrieb der Arzt?
  • Gibt es irgendwelche chronischen Probleme oder Krankheiten zu denen das Kind besonders neigt (Bronchitis, Ohrenentzündungen etc.)?
  • Sind Allergien bekannt?
  • Hatte das Kind jemals Fieber? Wie hoch stieg die Temperatur?
  • Gab es allergische Reaktionen auf irgendwelche Stoffe, Medikamente, Tiere oder Nahrungsmittel?

Essgewohnheiten

  • Was und wann isst das Kind?
  • Was isst das Kind besonders gerne und was mag es überhaupt nicht?
  • Wie oft isst das Kind und welche Mengen?
  • Wie selbständig isst das Kind?
  • Bei Babys: Wie oft trinkt es sein Fläschchen und wie viel trinkt es davon? Welche Babynahrung bekommt es?
  • Bekommt es schon feste Nahrung? Wenn ja welche und in welchem Umfang?
  • Welche Art von Fläschchen und Sauger werden benutzt?
  • Wird die Nahrung auf spezielle Art zubereitet?
  • Wie macht es am liebsten sein Bäuerchen?

Schlafgewohnheiten

  • Wann ist das Kind gewohnt zu schlafen? Wacht es in der Nacht auf?
  • Wann geht es abends schlafen?
  • Werden die Schlafenszeiten sehr genau eingehalten oder variieren sie?
  • In welcher Position schläft es am liebsten ein? Möchte es zum Einschlafen gehalten werden oder schläft es allein in der Wiege / im (Gitter)Bett ein?
  • Wie schläft es am liebsten (am Bauch, mit einem Stofftier ...)?
  • Ist das Kind nachts schon sauber (bei älteren Kindern)?
  • Gibt es Einschlafrituale, beispielsweise ein Lied singen, mit Nachtlicht schlafen...
  • Wann hält es seinen Mittagsschlaf? Hält es tagsüber noch andere Schläfchen?
  • Was machen Sie, damit es angenehm müde wird?
  • Fürchtet es sich vor der Dunkelheit? Wenn ja, was machen Sie, um es zu trösten?

Zahnen (bei Babys)

  • Zahnt das Baby?
  • Wann bekam es seine ersten Zähne?
  • Woran merken Sie, dass wieder ein Zahn kommt?
  • Was hilft gegen Beschwerden beim Zahnen?

Das Leben bei der Pflegefamilie / im Heim

  • Was gab es für tägliche Routinen?
  • Wie viele andere Kinder gab es in der Umgebung des Kindes? Wie alt waren sie?
  • Wie sah die Umgebung aus, in der das Kind bisher aufwuchs? (Manche Kinder fühlen sich mehr in ihrer neuen Umgebung zu Hause, wenn Dinge übereinstimmen – andere wollen lieber nichts aus der alten Umgebung um sich haben)
  • Wie hat sich mein Kind mit den anderen vertragen?
  • War das Kind gerne im Freien?
  • Mag das Kind Tiere/Haustiere?
  • Was hat das Kind außerhalb der Familie/des Heimes schon erlebt? (Autofahrten, Busfahrten, Ferien und so weiter)
  • Welche Spielsachen mag das Kind besonders?
  • Wann bestimmte Meilensteine in seinem Leben stattgefunden, z.B. erste Worte, erste Schritte, erster Zahn, erste feste Nahrung...
  • Welche Musik /Spielsachen / Aktivitäten mag es am liebsten / am wenigsten?
  • Welche Geschichten könnte man dem Kind über seine ersten Monate/Jahre erzählen, wenn es größer wird? ("Als du klein warst, hast du immer ...")
  • Wollen wir in Kontakt bleiben (Briefe, Bilder...)?

Sollten Sie die Gelegenheit haben, auch die leibliche Mutter, den Vater oder die ganze Herkunftsfamilie Ihres Kindes kennen zu lernen, können Sie einen Eindruck von den abgebenden Eltern gewinnen, der später einmal für Ihr Kind von besonderer Bedeutung sein mag. Die abgebenden Eltern können sich ebenfalls ein Bild von Ihnen machen und das Gefühl mitnehmen, dass ihr Kind gut aufgehoben ist. Vielleicht ist es Ihnen bei diesem Zusammentreffen möglich, mehr über die abgebenden Eltern und ihre Motive für die Adoption zu erfahren. Auch diese Informationen werden später einmal für Ihr Kind von spezieller Bedeutung sein. Eventuell besteht auch die Möglichkeit, einen fortlaufenden Kontakt zu vereinbaren, indem die Adoptivfamilie beispielsweise einmal jährlich Fotos und einen kleinen Bericht über die Behörde an die abgebende Mutter schickt.

Der Tag des ersten Kennenlernens wird von vielen Familien ähnlich wie ein Geburtstag gefeiert ("Ankunftstag"; "Adoptionstag"); manche feiern jenen Tag, an dem sie endgültig zu Hause angekommen sind.